Pat Metheny & Brad Mehldau

By Christian Broecking
Issued in Jazzthing Number 66, pp.44-45

Die Politik der Improvisation Momentan sieht sich Brad Mehldau an der Spitze seines Könnens. Keith Jarrett nennt er als sein großes Vorbild, besoners dessen jüngste Solokonzerte imponieren dem 36-jährigen Pianisten - nicht wiederholen, was man als junger Mann gespielt hat, sondern sich kontinuierlich weiterentwickeln, das hat sich Mehldau vorgenommen. Er sagt, dass ihn die ersten Platten des 16 Jahre älteren Pat Metheny zum Jazz brachten, und nennt den Gitarristen in einem Atemzug mit John Coltrane, Miles Davis und Keith Jarrett - Metheny schwärmt ähnlich von seinem neuen Duopartner. Mehldau lebt mit seiner Ehefrau und zwei kleinen Kindern in Amsterdam und New York, Metheny lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in New York. Christian Broecking sprach mit den beiden Musikern anlässlich ihres ersten gemeinsamen Albums "Metheny Mehldau" (Nonesuch/Warner).

Welche Wirkung hat die Tatsache, dass Sie eine Generation auseinander sind, auf die Musik?

Metheny: Ich war 20 Jahre lang, ich glaube: bis zu der Platte mit Joshua Redman, immer der Jüngste in der Band. Altersmäßig waren mir die meisten Musiker eine Generation oder mehr voraus. Und es immer wieder dieselbe Erfahrung: In dem Moment, da die Musik beginnt, musst du deinen Job machen. Es geht darum, dass der Sound stimmt - und dafür spielt es überhaupt keine Rolle, wie alt einer ist. Ich habe übrigens von Brad sehr viel gelernt, mich interessiert sehr, was er für ein Mensch ist. Wir sprechen ja hier von einem hohen Niveau, ich meine Leute, die einen professionellen Status in der Welt des Jazz erreicht haben. Sie beherrschen nicht nur die Sprache, sondern die Subdialekte und -texte des Jazz. Und da zählt nur wirklich, was man als Mensch zu sagen hat, welche Lebenserfahrung man vermitteln kann. Es ist ja eigenartig, dass es neben David Murray und mir kaum prominente Jazzmusiker gibt, die Mitte der fünziger Jahre geboren wurden. Wir waren gerade noch zu jung, um nach Vietnam zu müssen, und hatten doch ständig mit Leuten zu tun, für die Vietnam eine ganz schlimme Zäsur in ihrem Leben war.

Mehldau: Wenn man eine Platte zusammen macht, ist man nicht mehr in der Rolle des Studenten. Das würde nicht funktionieren. Jazz ist für mich das Rollenmodell, das, was John Coltrane aus "My Favorite Things" machte. Der Hörer braucht das Original nicht zu kennen, es geht mir um die aktuelle Performance, und doch kann der Faktor, dass Leute die Stücke schon kennen, eine Rolle spielen. Radiohead-Fans würden sonst wohl kaum in meine Konzerte kommen. Ich bin mit Rock aufgewachsen, das war für einen weißen amerikanischen Jungen Mitte der siebziger Jahre das Ding. Wenn ich heute mit jungen Leuten spreche, dann hören sie Beatles, Sinatra und aktuelle Bands - sie haben wesentlich breiteren Zugang.

Jazz als Soundtrack einer Lebenshaltung - geht das noch?

Mehldau: Es ist denkbar, dass ein junger Mensch sich rauen Bebop anhört und völlig begeistert ist. Ein wirklich guter Swing-Schlagzeuger ist für mich äußerst relevant, eine große Performance in einem alten Stil, wunderschön gemacht - das weiß ich zu schätzen. Da muss ich nichts dagegen haben, nur weil es nicht neu ist. Der Fehler ist, wenn keine Ordnung da ist. Wenn deine Musik zu bewusst in der Tradition angesiedelt wird, kann es steif werden. Wenn es frisch kommt - Subversives wie von John Coltrane und Miles Davis war in der Tradition und gleichzeitig weit davon entfernt - dann klingt es kreativ ungezwungen. Zwischen 1965 und 1975 Geborene wie Joshua Redman oder Beck haben oft einen postmodernen Meta-Zugang; der große Nachteil meiner Generation ist jedoch die Schwierigkeit, einen eigenen Punkt zu setzen. Identität ist das Problem unserer Generation, die Koexistenz der Szenen ohne gültige Orientierung zeigt den Mangel an Zentrum. Wir leben halt nicht gerade in einer revolutionären Phase, wir konsumieren und schaffen keine Identität, das meine ich sehr selbstkritisch. Ich habe während unserer Arbeit nir daran gedacht, dass Pat älter ist. Ich habe manchmal eher das Gefühl, dass er in gewisser Weise jünger denkt als ich, offener ist. Ich habe die Black Eyed Peas bei ihm zum ersten Mal gehört.

Kommt das von den Kindern?

Metheny: Ja, also, ich möchte hier jetzt wirklich nicht als ein Black-Eyed-Peas-Fan dargestellt werden, aber es stimmt, ich höre sehr verschiedene Musik.

Sie sind oft als Nachfolger des "Kind Of Blue"-Pianisten Bill Evans genannt worden, haben jenen Kritikern aber vorgeworfen, sie seien rassistisch infiziert, weil sie das Piano-Trio im Jazz zum "sensitive white guys club" degradieren würden. Warum so viel Missmut?

Mehldau: Ich selbst habe als Weißer keine Marginalisierung im Jazz erfahren, doch es gab da ja den Witz über den Pianisten Bill Evans, den man auch "the great white hope" nannte. Damit spielte man auf das Sensible und Harmoniesüchtige in seinem Spiel an - den Synonymen "schwächlich" und "weiß" steht hier "schwarz" gleich "maskulin" und "kräftig" gegenüber. Dieses Klischee wollte ich zerstören.

In den namhaften Jazzfachzeitschriften gab es Leserbriefe von empörten Bush-Wählern, die sich über die politischen Ansichten von Brad Mehldau beschwerten. Sie sollten lieber den Mund halten und Musik machen, heißt es da. Was ist los - der Jazz im Rechtsrutsch?

Mehldau: Ich bin ein registrierter Demokrat und habe mich im letzten Wahlkampf für Kerry engagiert, das war eine gute Erfahrung. Tatsächlich gibt es unter den Jazzmusikern auch Bush-Wähler, die nicht für Kerry spielen wollten, und das war neu für mich. Da war ich schockiert, doch für die Mehrheit gilt, dass der Jazz die Freiheit von Autorität repräsentiert - die Ausnahme sind Musiker, die ich nicht immer verstehe. Wynton Marsalis hingegen hatte sich schon für Clinton sehr engagiert, und es ist bekannt, dass er auf keinen Fall republikanisch wählt. Er ist jedoch vor allem von Weißen missverstanden worden, weil er mir der Sprache der Konservativen jongliert - "Tradition" ist ein dafür typischer Begriff. Dass er den Jazz ähnlich der klassischen Musik gesellschaftlich institutionalisieren möchte, ist ein nobles Projekt. Dass er die Leute mit seinen starken, aber auch aggressiv vorgetragenen Argumenten provoziert, ist sehr sinnvoll.

Metheny: Für mich funktionieren ästhetische Modelle, die auf kausalen Verknüpfungen beruhen, nicht. Es ist viel komplexer. Die Erwartung, weil wir den miserabelsten Präsidenten in der Geschichte unseres Landes haben und eine Schrecken verbreitende Regierung, müsse unsere CD entsprechend zornig, unsere Gefühlslage unmittelbar beschreibend klingen, will ich nicht erfüllen. Das wäre zu einfach und ästhetisch völlig uninteressant. Ich denke allerdings, dass die gemeinsame Improvisation ein eindeutig politischer Akt ist. Wenn ich etwa an die Bedeutung des Free Jazz in der DDR denke - dass da oben auf der Bühne jemand steht, der seine Individualität in einer unmissverständlichen Form zum Ausdruck bringt...Die Idee der Improvisation als politisch kulureller Akt, der auf höchstem Niveau die Individualität in einem demokratisch strukturierten Setting feiert, finde ich sehr bezaubernd. Ich habe immer Musikern zugehört, die in der Lage sind, ihre Individualität musialisch detailliert auszudrücken.

Warum haben Sie denn die Anti-Bush-Links von Ihrer Webseite entfernt, Mr. Mehldau? Frust, Angst?

Mehldau: Ich bin mir nicht sicher, was man in der Rolle des Musikers an politischer Veränderung bewirken kann. Ich war ganz sicher sehr enttäuscht über die Wiederwahl Bushs. Ich habe die Links nicht entfernt, weil ich etwa Druck von Seiten einer konservativen Jazzfraktion spürte. Ich fand, sie waren einfach nicht mehr up to date. Für mich persönlich habe ich beschlossen, meine politischen Ansichten nicht mit meiner künstlerischen Tätigkeit zu vermischen. Ich will die Kontrolle über meine Handlungen und Ansichten haben, und ich sehe keinen Sinn darin, öffentlich auf die amerikanische Regierung zu schimpfen - auch wenn viele das tun, macht es doch nur ein großes Geräusch. Ich bemühe mich vielmehr, in meiner unmittelbaren Umgebung ein guter Mensch zu sein, vielleicht hilft das ja etwas.

Metheny: Ich habe das Gefühl, dass Sie uns vorwerfen, schön klingende Musik zu machen - wir spielen einen Durakkord, die Gitarre klingt nicht verzerrt -, und dass das eben nicht der politischen Lage entspricht. Ästhetisch gesehen teile ich diese Ansicht überhaupt nicht.

Mehldau: In der Musik sehe ich jedoch das Problem, dass sie trotz aller Schönheit von den falschen Kräften missbraucht werden kann. Das ist im 20. Jahrhundert geschehen, und es hat sich gezeigt, dass der Künstler keine Kontrolle darüber hat, wenn sein Werk zu Propagandazwecken eines Unrechtsrehimes eingesetzt wird. Also, ich finde die Frage sehr berechtigt.

Sie leben in New York - kurz nach dem 11. September haben Sie überlegt, mit Ihren damals noch ganz kleinen Kindern die Stadt zu verlassen. Wie ist das heute?

Metheny: Wir leben noch in New York, aus unserem Fenster konnten wir die Türme gut sehen. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, die Türme waren für uns New Yorker ein Orientierungspunkt - wenn man die Türme sah, wusste man immer ziemlich genau, in welche Richtung man musste. Viele Freunde von uns zogen weg - für uns New Yorker war es eine lokale Katastrophe. Kinder, die heute mit unseren Kindern befreundet sind, haben damals ihre Eltern verloren, gute Freunde, mit denen wir täglich Kontakt haben, waren zum Zeitpunkt der Anschläge in den Türmen und schafften es herauszukommen. Das war und ist nicht abstrakt. Es tut weh.

Bei seinem Carnegie-Hall-Konzert vor zwei Jahren ließ Ornette Coleman dem Programmheft einen Zettel beilegen, auf dem namentlich zehn neue Kompositionen verzeichnet waren, die er auch spielte. Songtitel wie "Air Raid", "Crying Without Tears" und "Song World" haben mehr Bedeutung als Nummern, erläuterte Coleman auf der Bühne, da sie eine Art des Denkens repräsentieren, die hinter dem musikalischen Konzept stehe. Die Titel auf Ihrer CD wurden noch im letzten Augenblick geändert - aus "#36" wurde "Summer Day", aus "163" "Ring Of Life". Warum tun Sie sich mit den Titeln so schwer?

Metheny: Ornette ist ein Titel-Genie, ihm fallen ad hoc die schönsten Bezeichnungen für seine Kompositionen ein. Ich habe das bei "Song X" ja unmittelbar erlebt: Von allen Musikern, die ich kenne, hat er die besten Titel. Ich tue mich da wirklich extrem schwer.

Mehldau: Der Fehler ist, dass man von Jazzmusikern überhaupt Titel erwartet. Ich würde gern, wie in der klassischen Musik üblich, meinen Kompositionen Zahlen zuordnen, die die Entwicklung des künstlerischen Werkes chronologisch deutlich machen. Und natürlich formale Beschreibungen wie Allegro, Rondo und Sonatenform. Das wäre es. Titel, die uns Musikern während einer Session mal eben einfallen, heißen etwa "Schnelles Stück in D-Dur" - doch das funktioniert nicht auf dem Cover einer Jazz-CD.

Metheny: "163" sollte lediglich beschreiben, in welchem Tempo das Stück gespielt wird.

Mehldau: Der Gitarrist Peter Bernstein hat vorgeschlagen, zuerst den Titel zu erfinden und dann die Musik dazu. Ich finde, das hört sich nach einer hippen Idee an - ausprobiert habe ich es noch nicht.

Metheny: Ich komme im Laufe der Jahre so auf 350 Kompositionen, das heißt, meine besten Titel-Ideen habe ich schon vor Jahren aufgebraucht. Es ist wirklich ein Kampf. Wir haben ja Material für zwei CDs aufgenommen, aber für die nächste CD habe ich noch keinen einzigen Titel gefunden. Dabei ist es so wichtig, einen guten Titel zu haben. Er kann einen ganz eigenen Kontext eröffnen, Lust darauf machen, die Musik zu hören. Er kann helfen, den Leuten Zugang zur Musik zu verschaffen. Doch leider sind Worte nun mal gar nicht meine Welt.


© hepcat1950 TOP last update: January 2, 2007