Pat Metheny im Gespräch

Stefan Richter für Amazon


1976 veröffentlichte er seine erste Platte, Bright Size Life, im Trio mit Jaco Pastorious und Bob Moses. Jetzt kam der Gitarrist Pat Metheny nach München um seine neue CD Trio 99→00 vorzustellen, die er 1999 mit Larry Grenadier am Bass und Bill Stewart am Schlagzeug einspielte. Mit Amazon-Mitarbeiter Stephan Richter ergab sich ein Gespräch, das sich nicht nur um die neue CD drehte, sondern in gesellschaftspolitische Sphären abhob.


Amazon.de: Trio 99→00 ist bereits die fünfte bedeutende Veröffentlichung in einem Jahr, an der Sie beteiligt sind. Wie kommt das?

Pat Metheny: Es ist etwas ungewöhnlich, dass Map of the World, meine letzte eigene CD, und die Trioplatte so direkt nacheinander erscheinen. Ich bin da so reingerutscht. Ich wollte keine Trioplatte machen. Das hat sich organisch aus der Tour letzten Sommer mit Larry und Billy entwickelt. Dort passierte etwas wirklich Besonderes, eine bestimmte Art der Kommunikation, bei der sich jeder individuell und im Kollektiv ausdrücken konnte. Das ist etwas, das man nicht oft hat. Deshalb meinte ich, wir sollten das dokumentieren. Also gingen wir direkt nach der Tour ins Studio, aber wir spielten ein völlig anderes Repertoire. Die Nacht zuvor schrieb ich ein paar neue Lieder. Ich machte Arrangements über Stücke, die ich schon immer spielen wollte, kramte ein paar alte von mir hervor, und schon hatte ich ein ganz interessantes Programm. Jetzt ist da eine neue CD direkt nach Map of the World, aber ich glaube, das macht nichts aus, weil sie so unterschiedlich sind.

Amazon.de: Es scheint, als wäre dies das erste Trio, in dem Sie Ihre stilistische Vielfalt ganz entfalten können.

Metheny: Sehr richtig. Das stilistische Potential dieses Trios ist unbegrenzt. Bill und Larry haben wie ich eine Ästhetik, die Musik als etwas Ganzes begreift und sind fähig, dieses Ganze im Improvisationsprozess in etwas zu übersetzen, das sich trotzdem immer unter dem Banner des Jazz bewegt. Ich war noch nie so zuhause in einer Rhythmusgruppe. Ich kann ihnen jede Idee vorsetzen, sie verstehen sie und stürzen sich drauf. Ich muss nichts ausschließen.

Amazon.de: Glauben Sie, dass die Veränderungen in der Verbreitung der Musik -- Stichwort: MP3 und Internet -- sich auf die Musik auswirken werden?

Metheny: Für einen Musiker wie mich kann es nur besser werden. Momentan ist es schrecklich. 99,9 Prozent meiner Musik wird nicht im Radio gespielt. Es gibt einfach keinen Platz dafür. Für mich ist es besonders schlimm, weil ich kein eindeutiger Jazzspieler bin, aber auch keiner dieser Contemporary-Jazz-Menschen. Und was Platten angeht: Von mir sind 25 oder 30 CDs auf dem Markt, aber selbst in großen Läden finden Sie vielleicht 12 oder 15. Ich habe Platten gemacht, die kriegen Sie einfach nicht. Im Net sind sie da, nur ein Klick, am nächsten Tag hast Du sie. Und es wird bald so weit sein, daß Du nur klickst und gleich die Musik bekommst. Ein große Jukebox im Himmel, aus der wir alles holen können, das jemals aufgenommen wurde. Großartig! Alles wird sich ziemlich verändern, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es sich verschlechtert.

Amazon.de: Das Geld könnte vielleicht ein Problem werden.

Metheny: Vielleicht, aber ich bin nicht wegen dem Geld dabei. Die Leute, die sich ums Geld kümmern, sind am besorgtesten. Ich tue nur, was ich sowieso täte. Das Problem ist: Ist die Musik geistiges Eigentum? Oder ist die Musik Information? Wir wissen alle: "Information strebt danach frei zu sein." Ich frage mich: Sollte Musik nicht einfach umsonst sein? Jede Musik, die jemals gemacht wurde. Das Eigentum an der Musik und ihrer Veröffentlichung ist ja ein relativ junges Phänomen. Vielleicht hundert Jahre alt. Zuvor baute man einfach auf und spielte. Das ist die Natur eines Musikers: einfach Spielen. Dafür wird mich meine Plattenfirma ermorden, außerdem Musikverlage und andere Musiker, aber wir werden uns anpassen. Die Form wird sich anpassen. Ja, die Veränderungen werden unvorstellbar sein. Aber die Musik selbst wird sich nicht ändern. Es wird immer neue Musiker geben, so wie Brad Mehldau, der einfach aus dem Nichts kam und vielleicht die wichtigste improvisierte Klaviermusik der letzten zwanzig Jahre gespielt hat. Es wird immer neue Musiker wie ihn geben. Die Umstände werden anders sein, aber das ist irrelevant für die Musik an sich.

Amazon.de: Halten Sie sich für einen politischen Menschen?

Metheny: Die Tatsache, dass man sein Leben einem so nackten Ausdruck von Individualität widmet, wie es Jazz und die Improvisation sind, ist im Kern ein politischer Akt. Vor allem wenn wir an Leute in anderen Ländern der Welt denken, wo es schon vom Konzept her fremd wirkt, seine Individualität so ausdrücken zu wollen. Gerade wenn Sie das Wort "politisch" im Sinn einer Kulturkritik verwenden, ist es absolut politisch. In der amerikanischen Gesellschaft mehr denn je, weil wir uns so tief unter dem Radar befinden. Zu Zeiten der Beat Poetry sprachen die Leute wenigstens über ein Klischee des Jazz. Nicht einmal das gibt es jetzt noch. Wir sind wie der Jupiter im Sonnensystem dieser Ricky-Martin-Kultur. Und das hängt mit Zugang zusammen. Das ist auch das Politische am Internet. Und darauf sollten wir aufpassen. Die Technologie ist jetzt ausser Sicht der Regulatoren und Politiker geraten. Zum ersten mal ist die Technologie den Politikern voraus und es gibt keinen Weg zurück, wie die Büchse der Pandora. Das ist in der Musik mit diesem MP3-Zeug genauso. Es ist zu spät, niemand hat es geahnt. Es ist vorbei und während sie noch mit heruntergelassenen Hosen dastehen, ist die Entwicklung schon tausend Meilen weiter. Niemand wird sie aufhalten oder umkehren können.


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: October 7, 2001