Reisen ist Teil unseres Lebens

Pat Metheny

auf Deutschlandtournee

von Rainer Wilkes

Jazz Podium Nr. 12/XXXVIII Dezember 1989, Seiten 50-51

Die Bühne ist dunkel. Sechs Gestalten huschen mit Taschenlampen zu ihren Instrumenten. Der erste Akkord erklingt: das wunderschön wiegende Latin-Motiv von Phase Dance. Der Saal tobt - gibt es eine andere Jazzband, die an einer einzigen Gitarrenphrase zu erkennen ist? Wie eine Zauberformel wirken diese vier Töne. Der Bann ist da, immer wieder neu, und der Zauber endet erst, wenn nach drei Stunden das Saallicht angeht. Gleich danach beginnen die Roadies, die Verstärker über die Plastikbecher auf der Tanzfläche zum Bühnenausgang zu rollen. Noch in dieser Nacht fährt die Crew zum nächsten Tourneestop nach Berlin. Die Musiker folgen am nächsten Tag mit dem Flugzeug.

Pat Metheny ist sehr zufrieden mit dem Auftaktkonzert der 10tägigen Deutschlandtournee in der Jovel Music Hall in Münster. "Wir haben gerade darüber gesprochen, daß es diesmal anders ist für uns in Deutschland. Das Publikum scheint eine Erwartung zu haben, die sich mit dem deckt, was wir von den Leuten erwarten. Ich denke, wir klingen auch besser in kleinen Hallen, da hört man mehr von den Instrumenten und weniger von der P.A." Wie keine andere Band verbindet die Pat Metheny Group die Lebendigkeit des Jazz mit dem kalkulierten Reiz einer Rockgruppe. Das Publikum genießt die Aura eines Rockkonzerts: die lightshow, den brillanten sound, den geschickten Wechsel der Tempi, Besetzungen und Stile, der eine Pause überflüssig macht. Während der Balladen schmusen die Pärchen, bei groovigen Hits wie Are you going with me? wird getanzt, soweit der Abstand zum Nachbarn es zuläßt. Gern möchte sich die Begeisterung im Mitklatschen mitteilen - es gibt diesen Titelsong der First Circle-LP, den die Musiker mit Klatschen beginnen. Der Haken: Wer kann schon im 11-Achtel-Takt klatschen? Nein, Konzessionen macht er nicht, der Mann im blauweiß gestreiften Sweatshirt.

Manches mag klischeehaft und glatt klingen auf seinen letzten Platten - auf der Bühne spielt die Band, als würde sie in diesem Augenblick die Musik erfinden. "Wie eine Diva", kommentiert die Pizzaverkäuferin im Jovel die Bitte, während des Konzerts nicht zu rauchen. Doch das Publikum hält sich daran, denn jeder kann an Pats Stimme hören, daß er erkätet ist. Starallüren hat der Gitarrengott nicht angenommen, aber graue Haare. Seltener sind die kleinen Luftsprünge geworden, mit denen er seiner Gitarre den allerhöchsten Ton am allerletzten Bund entlockt. Gekrümmt wie ein Fragezeichen beugt er sich über das Instrument. Wenn das Publikum noch mitten im Konzert rhythmisch nach Zugabe klatscht, ist er der nette Junge von nebenan. Fast verlegen umfaßt er dann die Gitarre mit beiden Händen am Hals, gleichzeitig stolz auf die Begeisterung, die er hervorgerufen hat.

Die überwätigende Spielfreude, der jungenhafte Charme, den er auf der Bühne ausstrahlt, hindern Pat Metheny nicht daran, sich sehr präzise und überlegt über seine Musik zu äußern. Ihm ist bewußt, daß der Graben zwischen der Musik der Pat Metheny Group und seinen experimentelleren Projekten im Trio, mit Ornette Coleman und jüngstens mit Herbie Hancock und Jack DeJohnette, immer tiefer wird. "Ich würde nicht sagen, daß die Pat Metheny Group so etwas ist wie 'Ich plus eine backinggroup'. Die Leute machen sich nicht klar, wie schwer das zu spielen ist, was wir spielen, besonders für die Rhythmusgruppe. Es gibt niemanden, der das spielen könnte, was ich von Paul Wertico erwarte. Und selbst Charlie Haden und Jack DeJohnette sage ich, was sie spielen sollen."


"Für mich ist es ein Zeichen von wirklicher Größe, wenn sich jemand an seine Mitmusiker anpassen kann, aber dabei ganz frei ist, das zu spielen, was er will."


"Ein Grund, warum sie gerne mit mir spielen, ist der, daß ich sehr spezifisch bin in dem, was ich will. Es stimmt, es gibt Leute wie Billy Higgins, dem du nicht viel erklären kannst. Er spielt, was er möchte, und er spielt großartig. Aber mit Charlie habe ich stundenlang über die Musik diskutiert, er sagt: 'Du willst dies und das, laß es uns so und so probieren.' Dave Holland ist auch so. Für mich ist es ein Zeichen von wirklicher Größe, wenn sich jemand an seine Mitmusiker anpassen kann, aber dabei ganz frei ist, das zu spielen, was er will. Herbie Hancock kann das. Herbie ist der absolute Musiker für mich; von allen großen Musikern, mit denen ich gespielt habe, ist er der größte. Er paßt sich an, aber er ist dabei immer 100 Prozent Herbie Hancock. Das ist eine ganz seltene Eigenschaft."

"Pat Metheny T-Shirts", brüllt der fliegende Händler am Halleneingang. Ein farbenprächtiges Programmheft im LP-Format gehört zu seinem Angebot. Auf den ersten beiden Seiten sind die Tourneedaten 1989 abgedruckt. Eine Liste von Terminen und Orten, die schwindeln macht. 119 Konzerte von Juli bis Dezember in den USA und Europa. Letter From Home heißt die neue LP - vornehme Umschreibung für ein Leben, das im Bus, in Hotels und Konzerthallen stattfindet? "Der Titel ist die Fortsetzung unseres Reisemotivs, das wir seit einigen Jahren verwenden. Das Reisen ist Teil unserer Lebenswirklichkeit" bestätigt Pat Metheny. Lange her scheint die Zeit, als der Junge aus dem Mittleren Westen seiner Heimat huldigte in Titeln wie 'Missouri Uncompromised', 'Cross the Heartland' und 'Country Poem'. "Es ist 18 Jahre her, daß ich Lee Summit in Missouri verließ, wo ich aufwuchs, es ist in weiter Vergangenheit für mich. Ich lebe jetzt halb in Boston und halb in Rio. Ich fühle mich immer noch verbunden mit Missouri, ich besuche meine Eltern zweimal im Jahr, aber es ist nicht mehr mein Zuhause."

Wie kein zweiter verstehen es Pat Metheny und besonders auch Lyle Mays, in ihrer Musik akustische Landschaften aufzubauen. "Die Landschaft in Missouri ist sehr offen und weit. Das hat mein ästhetisches Empfinden beeinflußt." Verbindet dieser Sinn für unmerklich wechselnde Farben, für "soundscape", den Gitarristen mit dem sogenannten "minimal music"-Komponisten Steve Reich? Vor zwei Jahren nahm Pat Metheny eine Komposition von Steve Reich auf. "Ich habe Steve nicht als einen 'minimalist guy' gesehen, auch wenn ich weiß, daß viele Leute ihn so einordnen. Ich bin ein großer Fan seiner Musik seit 'Drumming' von 1972. Für mich war seine Musik immer komplexer als die von vielen Leuten, die allgemein als Minimalisten zusammengefaßt werden.
Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, daß er mich für 'Electric Counterpoint' als Gitarrist wollte. Die Erfahrung, mit Steve zusammenzusein, ihm bei der Arbeit zuzusehen und seine Methode zu studieren war sehr wertvoll für mich. Er ist eigentlich ein Jazzer. Die meisten klassischen Komponisten denken nicht in Ausdrücken wie G major 7 oder B vermindert. Wir unterhielten uns nur in Jazzakkordbezeichnungen. Er weiß genau Bescheid über Jazz. Meine Einstellung zu seinem Stück war: Meine Persönlichkeit rhythmisch einzubringen in das, was er notiert hat."

Nach dem Konzert mischen sich die Musiker unter die Fans. Nur Lyle Mays bleibt hinter der Bühnenabsperrung stehen, während die Nachwuchspianisten sich gegen das Gitter drängen, um mit ihm zu fachsimpeln. Pat ist weniger auf Distanz bedacht. Mit einem Becher Bier in der Hand steht er an der Theke, umringt von Fans. Ein Star zum anfassen. Offensichtlich gnießt er es, nach dem Konzert mit dem Publikum zu reden. Seiner Rolle als Vorbild für Heerscharen junger Gitarristen ist er sich dabei bewußt. "Wir arbeiten an einem Songbook. Viele Leute wollen eins haben, und wenn sie die Musik nachspielen wollen, dann sollen sie es jedenfalls richtig spielen. Die meisten Transkriptionen, die ich gekauft habe, sind falsch, nicht einmal ungefähr richtig. Wenn ich sowas mache, dann soll es sehr genau sein, deswegen arbeiten wir schon einige Jahre daran. Ich glaube allerdings, daß ich mich nicht sehr gut für eine Vorbildfunktion eigne, genausowenig wie Pat Martino oder George Benson oder selbst John Scofield. Wenn die Gitarristen heute mehr den Sound von John Scofield oder Mike Stern kopieren, ist mir das recht."


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