PAT METHENY (talking)

An interview with Pat Metheny by Arne Schumacher

Spring 1988, issued in no. 3/88 of the German magazine JAZZTHETIK


"Der nächste bitte." Das verbindliche Fräulein von der WEA Musik GmbH führt mich an das Ende eines Ganges im Hamburger Geschäftsgebäude der Plattenfirma. Uns entgegen kommen zwei offenkundig zufriedene Kollegen, die vermutlich alles in den Kasten bekommen haben. Türklopfen, Türklopfen: "Hi."

Sprechstunde bei Pat Metheny. Der braungebrannte Gitarrenkünstler war am selben Morgen aus New York City eingetroffen. Zwei Stunden später: Beginn eines Interview-Marathons, das bis in den Abend dauerte. Nach exaktem Zeitplan wurde Journalist um Journalist durch den Konferenzraum geschleust. Die gleiche Prozedur erwartete den 33jährigen am folgenden Tag in München.

Zwischen Ledersesseln und kurzem Beinevertreten: ein ausgemacht freundlicher, redewilliger Nicht-nur-Sonny-boy, der sich dankenswerterweise für die Interessen seines Gesprächspartners und der JAZZTHETIK verwendete, als das verbindliche Fräulein von der WEA bereits nach knapp zwei Dritteln der abgesprochenen Zeit ("Der nächste Kollege wartet schon!") an der Schleusentür den Gong schlug.
A.S.: Laß uns zunächst über Deine Gruppe sprechen, mit der Du seit einiger Zeit auf Tour bist und mit der Du auch Dein letztes Album Still Life (Talking) eingespielt hast. Du hast die Gruppe umbesetzt: Pedro Aznar ist nicht mehr dabei, dafür spielt ein neuer Percussionist. Außerdem sind jetzt zwei Vokalisten dabei. War das der Grund dafür?

Pat: Im Wesentlichen wollte ich den Sound von First Circle, der letzten Gruppen-Platte, erweitern. Ich gebe bereitwillig zu, daß First Circle und Still Life so eng miteinander verwandt sind wie keine meiner anderen Platten. Der Ensmblesound ist vom Konzept her der gleiche, die Art, wie wir die Stimmen einsetzen, ist ähnlich, nur sind die Möglichkeiten mit zwei Leuten größer. Mark Ledford stammt aus Detroit, David Blamires aus Kanada. Neu ist außerdem Armando Marcal, ein wirklich phantastischer junger Percussionist aus Brasilien, den ich dort unten kennengelernt habe ... Entscheidend ist für mich aber der Kern der Band. Lyle [Mays] und ich sind seit inzwischen elf Jahren zusammen, Steve [Rodby] ist seit etwa acht Jahren in der Gruppe, Paul [Wertico] seit sechs. Ich hab das Gefühl, mit ihnen einfach alles spielen zu können. Ihr Level an Musikalität ist toll.

A.S.: Viele Stücke auf Still Life haben ein brasilianisches Feeling, wie schon einige auf First Circle. Ich hab gehört, daß Du lange Zeit in Brasilien gelebt hast?

Pat: In den letzten zwei Jahren habe ich meine ganze freie Zeit 'off the road' dort unten verbracht. Ich empfinde Brasilien wie meine Heimat, mehr noch als mein eigentliches Zuhause ... Das ist mit Sicherheit ein Einfluß gewesen. Aber! Ich meine, daß es immer schon eine enge Beziehung zwischen amerikanischer und brasilianischer Musik gegeben hat. Die Art, wie amerikanische Harmonien die Musik Brasiliens beeinflußt haben, wird zu oft heruntergespielt, wenn die Leute darüber reden, daß brasilianische Musik Einfluß auf viele amerikanische Jazzmusiker gehabt hat. In Wirklichkeit lief es zuerst andersrum ... Was mich betrifft: viele der ersten komplizierteren Stücke, die ich auf der Gitarre gelernt habe, waren all diese Antonio Carlos Jobim-Stücke. Deshalb, denke ich, gab es schon immer einen starken brasilianischen Einfluß in meiner Spielweise. Wäre auf meiner ersten Platte Bright Size Life ein brasilianischer Percussionist dabei gewesen und jemand, der die Melodien singt parallel zur Gitarre, hätten die Leute vermutlich gesagt: brasilianisch beiinflußt [schmunzelt listig].

A.S.: Wieweit geht Dein erster direkter Kontakt mit dem Land, mit Südamerika überhaupt, zurück?

Pat: 1980 haben wir dort auf einem Festival gespielt. Ironischerweise habe ich da auch Nana Vasconcelos getroffen. Das war etwa einen Monat, bevor Lyle und ich die As Falls Wichita-Platte aufgenommen haben. Ich bat Nana damals mitzumachen. Nana war auch der erste Südamerikaner in meiner Gruppe ... Ich bin schon immer empfänglich gewesen für bestimmte Elemente brasilianischer Musik. Aber wenn ich das analytisch sehe, sind das dieselben Dinge, die ich an jeder Musik mag, zum Beispiel an Coltrane. Man findet diese Elemente in einer Menge Musik aus Südamerika.

A.S.: Du hast unter anderem mit Milton Nascimento zusammengespielt. Würdest Du ihn als Einfluß bezeichnen?

Pat: Auf jeden Fall. Milton ist seit langem einer meiner Lieblingsmusiker. Ich bin schon vor Jahren, noch vor der Native Dancer-Platte von Wayne Shorter, auf ihn abgefahren. Als ich damals ein paar von Miltons Platten gehört habe, dachte ich nur: das ist es! Inzwischen sind wir gute Freunde geworden. Er ist ein gewaltiger Einfluß. Auf der anderen Seite: Milton sagt, daß ICH ein Einfluß für IHN gewesen bin. Ich hab ihn gefragt, was er da erzählt. Aber weißt Du, diese ganzen südamerikanischen Cats hören hauptsächlich amerikanische Musiker. Von Milton weiß ich, daß die Beatles für ihn das größte waren. Vielleicht ist das etwas, was wir alle gemeinsam haben. [nickt, ohne zu kommentieren]

A.S.: Wie ist eigentlich jetzt Deine Verbindung zu Lyle? Auf Still Life sind nur zwei gemeinsame Kompositionen. Ist die Verbindung noch so stark wie früher?

Pat: Ich würde sagen, nicht auf dieser alltäglichen Basis. In Bezug auf das Zusammenspiel auf jeden Fall. Weißt Du, am meisten gemeinsam komponiert haben wir etwa zuzeiten von American Garage [1987]. Seit damals waren praktisch alle Titel bis auf ein zwei Ausnahmen, Yolanda, You Learn zum Beispiel, von mir, die er mir arrangieren geholfen oder die er um eine Section erweitert hat. Sachen, die ich fast fertig hatte, die er mir beenden half. Es gab eine Zeit, da brachte er ebenfalls viele neue Stücke ein. In den letzten paar Jahren nicht mehr so sehr.

A.S.: Zwischen First Circle und Still Life liegen mehr als drei Jahre. Es hat den Eindruck, daß die Metheny Group nur noch in Phasen wiederkommt. Ist vielleicht das eine Erklärung, was Deine Zusammenarbeit mit Lyle anbelangt?

Pat: Ich denke ja. Wir alle haben so viele andere musikalische Interessen neben der Gruppe, auch ich, daß wir die Zeit ohne die Gruppe brauchen. Wenn wir permanent dabeibleiben würden, hätte die Gruppe mit Sicherheit nicht diese Frische, die sie für uns nach all den Jahren noch besitzt.

A.S.: Ein wichtiger Schritt für Deine ganze Arbeit war vermutlich, daß Du vor zwei Jahren die Plattenfirma gewechselt hast. Was war der Grund für diesen Wechsel von ECM zu Geffen?

Pat: Ich denke, das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Ich wollte mehr Verantwortung übernehmen für das, was auf meinen eigenen Platten ist, mehr Kontrolle haben. Die erste Manifestation war, daß ich meine Platten für ECM gelegentlich selbst produzierte. Und es genossen habe... Ich hatte schon immer Schwierigkeiten mit der ganzen Konzeption des Plattenmachens. Für mich ein total schwieriges Problem. Live spielen macht für mich einen Sinn: es gibt ein Publikum, dem es hoffentlich gefällt ... für mich bedeutet Musikmachen, für Leute spielen. Wenn ich in meinem ganzen Leben keine Platte mehr machen könnte, ginge das meinetwegen in Ordnung, solange ich live spielen kann. Deshalb bin ich Musiker geworden. Platten sind eine Art Mysterium für mich, das ich noch immer zu enträtseln versuche...

A.S.: Gab es irgendwelche gravierenden Probleme mit ECM?

Pat: Eigentlich nur Kommunikations-Schwierigkeiten. Es war immer ein langer Weg bis nach Deutschland. Ich kann mich eigentlich über nichts wirklich beklagen. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, scheint es mir wie eine 'goldene Ära', eine aufregende Zeit. [Nach einer Pause:] Mit dem Wechsel verhält es sich in gewisser Weise wie mit dem Umstand, daß man nach einer Zeit in der Gruppe eines anderen seine eigene Band haben möchte.

A.S.: Du hast jetzt Deine eigene Produktionsgesellschaft, mit der Du bei Geffen unter Vertrag stehst. Warum hast Du gerade Geffen gewählt?

Pat: Der Grund für diese Entscheidung war eine zwnzigminütige Unterhaltung mit David Geffen, in der er mir erklärt hat, er wolle, daß ich genauso weitermache wie bisher. Genau das wollte ich hören.

A.S.: Hattest Du auch Angebote von Firmen, die Dir nahegelegt haben, Sachen wie This Is Not America zu machen, den Song mit David Bowie?

Pat: Niemand würde Dir sowas direkt ins Gesicht sagen. Denen war sicher klar, daß ich sie umbringen würde [lacht].

A.S.: Aber man hat doch ein Gefühl für so etwas...

Pat: Klar, Du spürst es genau. Weißt Du, als ich die Entscheidung getroffen hatte, mich umzuschauen, war ich ehrlich verblüfft, wieviele Angebote ich bekam. Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Ich hatte also die Wahl. Und wie gesagt, David Geffen sagte mir unmißverständlich, daß er keine Bedingungen dieser Art stellt. Die erste Platte, die ich für sie hatte, war Song X mit Ornette Coleman, die sich für ihre Verhältnisse sogar ziemlich gut geschlagen hat. Song X entstand noch, bevor ich den Vertrag tatsächlich unterzeichnet hatte. Ich hab gesagt: hier Leute, dies ist die erste Platte. Und sie meinten: großartig!

A.S.: Das hätte ich nicht vermutet...

Pat: Sie sind voll darauf eingestiegen. Und sie haben sie als das vermarktet, was sie ist. Und haben dieser Musik damit Zugang möglicherweise hunderttausenden von Leuten verschafft, die sie sonst nie gehört hätten. Deshalb finde ich es aufregend, mit einer Company wie dieser [zeigt im Raum des WEA-Gebäudes herum] zusammenzuarbeiten: man kann durch sie die Leute erreichen... Ich war immer schon der Ansicht, daß man nicht unbedingt Dinge verändern müsse, sondern daß es eine Frage der Präsentation ist. Das ist das gleiche mit einer Band. Selbst die Stücke, von denen die Leute sagen: 'Oh, das ist kommerziell!', sind noch immer zwölf Minuten lang und werden nicht im Radio gespielt. Wir sind nicht wirklich so kommerziell. Wenn Du es richtig präsentierst, kannst Du als Musiker alles spielen... Ich sage Dir, die Song X-Tournee in Amerika war eine der spannendsten Tourneen, die ich je mitgemacht habe. Das Publikum... es ahnte nicht, daß die Musik derart 'far out' sein würde. Die Leute sind einfach hingegangen. Und die Tour hatte die volle Unterstützung dieser riesigen Plattenfirma.

A.S.: Das heißt, sie wurde vernünftig promotet - Dein Name genauso groß wie der von Ornette Coleman?

Pat: Wie die Namen aller. Und mit dem Plattenverkauf, gemessen an Stückzahlen, war jeder glücklich. Ich war richtig erstaunt [lacht. Nach einer Pause: Na, so weit so gut. In gewisser Weise befinden wir uns noch in den Flitterwochen, die Firma und die Produktionsgesellschaft. Wir werden sehen, wie es in fünf Jahren ausschaut.

A.S.: Du bist bei Geffen in der Gesellschaft von Rockstars, zum Beispiel von Neil Young. Ich habe gehört, daß Young erhebliche Probleme mit Geffen bekommen hat, nachdem er zwei oder drei Platten ablieferte, die in keinster Weise dem entsprachen, was man von ihm erwartet hatte.

Pat: Ich kenne die Besonderheiten seines Vertrages nicht. So wie ich meine Angelegenheiten geregelt habe, läuft es nicht so, daß sie mir Billionen von Dollar geben und ich dann eine Platte mache, von der ich weiß, daß sie nur hunderttausend Stück verkauft. Die meisten Rocktypen wollen jede Menge Geld im Voraus. Und wenn sich ihre Platte nicht verkauft, hat die Firma eben Pech gehabt. Einen solchen Deal würde ich nie abschließen. Ich will niemals denken müssen, ich sei ihnen eine Last. Höflichkeit, vermute ich. Wenn eine Platte nicht das verkaufen würde, was man mir gezahlt hat, würde ich ihnen das Geld zurückzahlen [lacht bei dem Gedanken]. Das ist wohl die Arbeits-Ethik des mittleren Westens [Metheny stammt aus dem Staate Missouri].

A.S.: Das klingt ausgesprochen idealistisch.

Pat: Ich kann's mir einfach nicht anders vorstellen für mich. Aber noch was: Du hast gerade gesagt, ich befände mich in der Gesellschaft dieser Rockleute. Bisher habe ich noch keinen von ihnen tatsächlich getroffen. Im Grunde mache ich meinen Kram, sitze zuhause, dann gehen wir ins Studio und wenn die Platte erscheint, komme ich an einen Ort wie diesen hier und treffe die Leute, die hier arbeiten... Man ist eher ziemlich isoliert. Um ehrlich zu sein: was ich aus den ECM-Tagen vermisse ist, daß man damals Teil einer Gemeinschaft war, speziell als praktisch jeder auf ECM war, die Blütezeit. Eine herrliche Zeit. Ein herrliches Gefühl, ins ECM-Büro zu gehen und die ganzen neuen Platten aller möglichen Leute zu sehen. Außerdem war fast jede Platte, die rauskam, einfach unglaublich. Was nicht heißen soll, daß das nicht immer noch der Fall wäre: ich glaube noch immer, daß es keine Firma gibt, die soviel qualitativ hochwertige Musik produziert wie ECM. Aber es gab eine Phase, da waren praktisch 50 oder 60 ihrer Platten hintereinander weg absolute Klassiker: etwas wie das hatte man vorher noch nie gehört. Eine tolle Zeit, zu dieser Gemeinschaft zu gehören.

A.S.: Du fühlst Dich ECM sehr verbunden.

Pat: Ich hatte schon früher Angebote bekommen, und ich hab ihnen in erster Linie widerstanden, weil ich mich dem ECM-Konzept sehr nahe fühlte: ich habe ihre Art geschätzt, wie sie die Musik präsentieren, ihre Grundeinstellung der Musik gegenüber, daß Verpackung und alles andere die Musik unterstützen sollen. Aber wie ich vorhin schon gesagt habe: meine ganze Haltung gegenüber dem Plattenmachen ist eher seltsam. Früher hätte ich mich am Ende jedes Plattenprojekts am liebsten umgebracht! Ich Studio habe ich unheimliche Probleme. Eine Art Rotlicht-Angst. Beim Aufwärmen kann ich das abgefahrenste Zeugs spielen, aber wenn ich das Rotlicht sehe... Bei Geffen habe ich heute mehr Freiheiten. Bei ECM gab es Beschränkungen, natürliche Beschränkungen für eine Firma dieser Größe, Beschränkungen, was das Produktions-Budget anbelangt. Es war notwendig, das Budget streng zu bemessen [stockt für einen Moment, dann:] oder sogar gering. Und es gab Zeiten, da wollte ich gerne einen weiteren Tag oder eine weitere Woche im Studio verbringen. Aber ich wußte, daß das nicht möglich war. Jetzt kann ich [muß lachen] mir soviel Zeit nehmen, wie ich will. Und glaub' mir, das ist genauso ein Fluch wie ein Segen! Aber, weißt Du, unsere letzte Platte, wie immer sie einzustufen ist, ob gut, ob schlecht, was immer, ich weiß es nicht... Ich weiß aber, das es die best-mögliche Platte war: jeder konnte sein Bestes beisteuern, alle Dinge versuchen, die er versuchen wollte. Was auf dieser Platte ist, ist das, was möglich war, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Und bei so vielen meiner Platten stellte sich mir die Frage: was wäre gewesen, wenn wir auf dieses oder jenes Detail ein bißchen mehr Zeit verwendet hätten.

A.S.: Was hast Du mit Deiner Produktionsgesellschaft vor? Willst Du auch andere Künstler produzieren?

Pat: Möglich ist zunächst mal alles. Es gibt einige Dinge, die ich gerne anpacken würde, die mit meiner Gruppe nicht direkt was zu tun haben, zumindest momentan nicht. Auf jeden Fall könnten wir es machen. Das ist überhaupt ein gutes Gefühl: wir können jederzeit alles machen, was wir wollen.

A.S.: Laß uns nochmal auf die Song X-Platte mit Ornette Coleman zu sprechen kommen. Ist es richtig, daß Charlie Haden die Verbindung zwischen Dir und Ornette hergestellt hat?

Pat: Es sollte fast Charlies Platte sein! Charlie wollte unbedingt, unbedingt,daß das zustandekommt. Es war sein Traum, meiner natürlich auch, keine Frage. Charlie und ich haben in den letzten acht Jahren oft zusammen gespielt, mit Ornette war er über Jahrzehnte zusammen. Er sagte mir immer wieder [schlägt einen ernsten, beschwörenden Tonfall an:] 'Ich kann es hören! Ich kann es hören!'... Ornette kam häufiger zu Konzerten des Trios mit Charlie und Billy [Higgins]. Als dann der Firmenwechsel anstand, wollte ich, daß die erste Platte etwas herausragendes ist. Wenn ich daran denke, wie wenig Zeit die Vorbereitungen in Anspruch nahmen, alle terminlich unter einen Hut zu bekommen! Mathematisch gesehen völlig unwahrscheinlich. Aber es war eins dieser Dinge, die vorbestimmt waren... Mit der Platte bin ich durchaus glücklich. Ich meine, ich wünschte, ich selbst hätte besser gespielt. Aber das Beste war die anschließende Tournee. Da gab es Abende, die waren schier unglaublich. Vielleicht die beste Musik, an der ich je Teil hatte.

A.S.: Für mich ist die Platte ein Klassiker, für viele andere sicher auch.

Pat: Ich bin ausgesprochen kritisch. Ich glaube außerdem, daß die meisten Leute nicht auf die Dinge hören, auf die ich höre. Und ich höre Dinge nicht, die tatsächlich da sind, gute Sachen. Zum Beispiel haben mir eine zeitlang viele Leute, vor allem Musiker gesagt, sie hielten Bright Size Life für eine unheimlich gute Platte. Ich konnte das einfach nicht heraushören, speziell was mein Spiel betrifft. Und vor etwa zwei Jahren habe ich die Platte wieder gehört, das heißt, ich hatte es nicht mal richtig wahrgenommen, daß sie es war, das war in einem Plattenladen. Manchmal braucht man zehn Jahre oder so um Abstand von etwas zu bekommen...

A.S.: ...eine Distanz...

Pat: ...um sie richtig hören zu können. auf Song X gibt es allerdings einen Titel, Endangered Species, auf den ich 100%ig stolz bin. Wir spürten es, als wir im Studio waren. Jeder schrie los, als es vorbei war. Ab und an erreichte man das. Auf First Circle waren auch ein paar solche Stücke. Aber so etwas wie mit Ornette habe ich noch nie erlebt: wir haben von jedem Stück fünf oder sechs Takes gespielt, und Du hättest jeden einzelnen benutzen können.

A.S.: Du bewunderst Ornette wie wahrscheinlich jeder andere, zumindest in der Jazzgemeinde. Warst Du an Ornettes Seite auch in gewisser Weise ein Lernender...

Pat: [schüttelt sehr ernst den Kopf]: Nein. Es wäre unmöglich, so mit ihm zusammen zu spielen. Wenn Du einen Gedanken dieser Art im Kopf hättest, wäre das, als würdest Du mit einer Augenbinde durch den Rush-Hour-Verkehr in New York spazieren: Du würdest auf der Stelle getötet. Bei dieser Musik mußt Du an Deine eigene Musik glauben! ... Natürlich, es gibt keinen Musiker, den ich mehr verehre als Ornette, an dessen Seite ich lieber studieren würde. Aber wenn es ans Spielen geht ... dann spielst Du eben. Wenn Du nicht mit voller Hingabe spielst, kann es nicht wie Dein eigener Song klingen. Es ist das gleiche, als ob Du für ein Publikum spielst: Du kannst nur für Dich selber spielen. Du kannst nicht bewußt für ein bestimmtes Publikum spielen. Dabei kannst Du nur verlieren. Du mußt mit Selbstvertrauen von einem entspannten, stillen Ort aus spielen, für Dich selbst... Ich glaube, daß selbst die Leute in seiner Band, die vielleicht nicht ganz so erfahren sind wie ich im Zusammenspiel mit wirklich großartigen Musikern, nicht wie Studierende spielen können. Sie spielen, als ob es genauso sein muß. Ornette würde es nicht anders zulassen.

A.S.: Wärst Du früher dafür reif gewesen, Jahre früher?

Pat: Nein. Ich war es diesmal kaum. Vielleicht war ich nahe dran, aber mein Spiel war nicht so gut, wie es hätte sein müssen. Nächstes Jahr dürfte es soweit sein. Es ist eine sehr schwierige Art und Weise zu spielen. Auch mit Sachen aufzuwarten neben jemandem, der darin so unglaublich gut ist. Ornette ist ein unerschöpflicher Quell von Melodien. Ich habe noch nie jemanden erlebt mit einem derart anhaltenden Fluß an Melodien.

A.S.: Gibt es Pläne für eine neuerliche Zusammenarbeit?

Pat: Definitiv. Wir haben im übrigen noch genug Material für eine komplette andere Platte im Kasten. Ich glaube, das gilt für alle Beteiligten: das war einer der wenigen Fälle, die 100%ig positiv laufen. Wir hatten ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Auch wenn ich Vorbehalte habe, was meine eigene Spielweise anbelangt, habe ich immerhin das Gefühl, daß etwas Einzigartiges dabei herausgekommen ist. Wir haben eine ganze Zeit darauf verwandt zu versuchen, einen Ensemblesound zu entfalten und ein eigenes Vokabular.

A.S.: Wie lief die Zusammenarbeit mit Ornettes Sohn Denardo? Er ist ein sehr ungewöhnlicher Schlagzeuger.

Pat: Sehr ungewöhnlich [lächelt]. Und absolut bezaubernd im Zusammenspiel. Er spielt wie keiner sonst. Er geht an Rhythmus anders heran als ein traditioneller Jazz-Schlagzeuger. Und das Unfaßbare ist: Du kannst alles mit ihm spielen, in time, out of time, schnell, langsam, und immer swingt es. Er und Jack ergaben eine interessante Kombination.

A.S.: Hat dieses Projekt Deine weitere Perspektive entscheidend beeinflußt?

Pat: Nicht unbedingt stilistisch, aber vom Konzept her. Es hat eine ganze Menge in mir bestärkt. Zum Beispiel, daß du an deine eigene innere Melodie glauben mußt. Wenn du ein Stück schreibst oder improvisierst, suchst du nach einer Art Widerhall deines eigene Spiels, dem was du hörst, was du fühlst und dem ganzen Geist, der über der Band und dem Publikum liegt. Versuchst, all diese Dinge ineinandergreifen zu lassen, um dieses bestimmte Gefühl zu erzeugen, das wir alle erleben, wenn wir herrliche Musik hören... Dieses Projekt hat mir klargemacht, daß, jawohl, alles, wo ich bisher daraufhin gearbeitet habe, in dieses Räderwerk faßt. Ornette ist wohl das purste Beispiel für jemanden, der an seine eigene Melodie glaubt. Charlie kommt kurz danach. Beide haben mich ernutigt, die Dinge, die ich habe, einzusetzen. Das hat mich zu dem Schluß geführt: was immer ich beisteuern kann, es steckt genug dahinter, daß ich darauf vertrauen kann, mehr noch als bisher. Das erste, was ich nach der Tour mit Ornette gemacht habe, war, etwa fünf der einfachsten Stücke zu schreiben, die ich je komponiert habe. Eines davon ist Last Train Home auf Still Life. Es stimmte einfach alles. Ich hatte das Gefühl, das jede Note exakt die richtige Note ist, gerade diese eine Note.

A.S.: Was für Projekte stehen nach der Tour mit Deiner Gruppe an?

Pat: Ich hab noch eine Menge Live-Aufnahmen des Trios mit Charlie und Billy, die ich sehr gerne veröffentlichen würde. Es gibt eine etwa einjährige Spanne, als ich gerade die Firmen wechselte, die sozusagen undokumentiert ist, 1985 oder '86. Außerdem kommt da eine Seite meines Spiels zum Vorschein, die ich nie richtig auf Platte gekriegt habe. Was auf Rejoicing ist, ist vorwiegend sehr vorsichtig und sorgsam, wie halt in einem Aufnahmestudio. Es gibt von mir nichts, wo ich mit Baß- und Schlagzeugbegleitung zwanzig Chorusse lang den Blues spiele. Außerdem war das ein sehr, sehr gutes Trio, und die Platte hat das eigentlich nicht in seiner ganzen Qualität wiedergespiegelt.

A.S.: Noch irgendwas anderes?

Pat: Ich denke auch daran, eine weitere Solo-LP zu machen. Eine, die ziemlich anders werden dürfte als die erste, mit all den neuen Möglichkeiten, die einem heute zur Verfügung stehen, Instrumente, die damals nicht einmal existierten.

A.S.: Steve Reich hat im vergangenen Jahr ein Stück für Dich komponiert.

Pat: Ja, richtig.

A.S.: Wann wird es erscheinen?

Pat: Erst etwa in einem Jahr. Er muß noch ein Stück für die Rückseite schreiben, eins für das Kronos Quartet. Mein Stück heißt Electric Counterpoint. Etwa 15 Minuten, 15 mal Gitarre und Baß übereinandergelegt, nur ich. Klingt interessant. Klingt... [fängt an zu lachen]: klingt wie Steve Reich. Beginnt mit [macht gleichbleibende Töne nach]: dat-dat-dat-dat-dat-dat... Du weißt schon.

A.S.: Hast Du seit This Is Not America Kontakt mit David Bowie gehabt?

Pat: Eigentlich sehr wenig. [Kunstpause]. Eigentlich gar keinen [lacht herzlich]. Eine Weihnachts-Karte. Nein, David Bowie schwebt in einer völlig anderen Stratosphäre.

A.S.: Wird es einen Gesangstitel geben, der mit This Is Not America vergleichbar ist?

Pat: Wenn es sich ergibt, auf jeden Fall.
Maintained by Thomas Hoenisch TOP last update: July 1998