"Ich versuche in jeder Situation so gut zu spielen wie es geht

Pat Metheny

von Lothar Jänichen

Jazz Podium Nr. 11/XXX November 1981 Seiten 14-16


Der 26jährige amerikanische Gitarrist Pat Metheny hat sich in den letzten Jahren in die vorderste Reihe der Jazz-Gitarristen gespielt. Bereits mit 22 Jahren unterrichtete er am Berklee College Of Music in Boston, und das, obwohl er dieses Institut niemals als Schüler besucht hat. Die ersten Plattenaufnahmen machte er mit Gary Burton; eine frühe Plattensession mit Paul Bleys Improvising Artists Group gehört heute schon zu den Sammler-Raritäten.

Methenys Spiel hebt sich deutlich von dem so profilierter Jazz-Gitarristen wie Larry Coryell oder John McLaughlin ab, das immer durch technische Brillanz gekennzeichnet war und viele Gitarristen der siebziger Jahre beeinflußt hat. Das melodische Element stand bei Pat Metheny bisher immer im Vordergrund. Die Themen schmeicheln sich schnell in das Ohr des Hörers ein, und die daraus entwickelten Improvisationslinien haben stets etwas Unbeschwertes, manchmal Tänzerisches, oft Romantisch-Gefühlvolles an sich.

Mit seiner Verbindung von Jazz und Rock erreicht er eine Zuhörerschaft, die über den Jazz-Kreis hinausreicht.

Nachdem Pat Metheny 1980 mit seinem Quartett in Europa gastierte, absolvierte er im August/September eine Tournee mit der Gruppe "80/81", zu der noch die Saxophonisten Michael Brecker und Dewey Redman, Charlie Haden, Baß, und Jack DeJohnette, Schlagzeug, gehören. Am Rande des Jazzfestivals "3 Tage Jazz" in Saalfelden/Österreich kam es zu dem folgenden Gespräch.


Lothar Jänichen: Wie kamst du eigentlich zum Jazz?

Pat Metheny: Die Stadt in Missouri in der ich aufwuchs, liegt in der Nähe von Kansas City. Kansas City war eigentlich der Ort, an dem ich merkte, daß es für mich viel zu spielen gab. Hier wurde ich zum ersten Mal mit den verschiedenen Arten von Musik konfrontiert. Zu spielen fing ich mit 14 Jahren an. Mit 15 begann ich dann regelmäßig fünf-, sechsmal in der Woche mit einigen guten Musikern zu spielen. Das war in Kansas City. Ich war damals schon wie heute glücklich, wenn ich mit guten Musikern spielen konnte, das ist eine Hilfe, um zu lernen. Dazu kam natürlich damals noch das Lernen durch Plattenhören.

LJ: Gibt es einen Musiker, den Du damals hörtest und der Dich so beeindruckte, daß Du sagtest: 'Jetzt muß ich anfangen zu spielen'?

PM: Es war nicht ganz so dramatisch. Ich begann sehr jung. Es ereignete sich viel für mich. So richtig zum Jazz kam ich durch meinen älteren Bruder, der Trompete spielt. Wenn er vom College nach Hause kam, brachte er Schallplatten mit. So hörte ich durch ihn vieles. Aber zur selben Zeit war ich auch sehr an Pop-Musik, Rock 'n' Roll usw. interessiert - wer war damals nicht daran interessiert? Für mich gab es eigentlich nie einen Unterschied zwischen Jazz und Rock usw. Von meinem Standpunkt aus gesehen war dies alles Musik, die meine Eltern nicht mochten. Das Wichtigste war, daß es keine klassische Musik war. Ich könnte sagen, daß Wes Montgomery sehr wichtig für mich war. Genauso könnte ich aber auch sagen, die Beatles. Ich könnte sagen Miles Davis, Jim Hall, Ornette Coleman. Diese Leute sind alle gleich wichtig für mich gewesen. Gleichzeitig waren für mich aber Gruppen wie die Beach Boys oder die Dave Clark Five wichtig.

LJ: . . . und Bob Dylan? . . .

PM: . . . nicht so sehr. Das war noch ein bischen vor meiner Zeit. Ich begann erst 1968 richtig zu spielen, und in der ersten Zeit war ich so eine Art Jazz-Snob. Ich hörte viel Bebop. Trotzdem fehlte mir immer ein bischen im Jazz von dem, was im Rock zu jener Zeit passierte. Aber Dylan war kein Einfluß für mich. Er ist wohl wichtiger für die Freaks, welche welche mit Worten arbeiten.

LJ: Ich dachte dabei eigentlich an die Folk-Einflüßsse, die in Deiner Musik spürbar werden . . .

PM: . . . das kommt nicht von Dylan. Es mag schon sein, daß Ähnlichkeiten zwischen uns bestehen. Diese Musik liegt bei uns einfach in der Luft. Jedermann spielt eine akustische Gitarre, macht Country-Music. Ich habe da eigentlich nie drüber nachgedacht. Als ich begann, Platten zu machen, sprachen viele davon, daß in meiner Musik Folk-Einflüsse spürbar wären. Mir war das tatsächlich nicht bewußt. Ich bin einfach mit dieser Musik aufgewachsen, so ist sie ein Teil von mir geworden, den ich nicht bewußt wahrnehme.

LJ: Die erste Band, mit der Du spieltest, war die von Gary Burton. Welchen Einfluß hat jene Zeit auf Dich ausgeübt?

PM: Diese Zeit war äußerst wichtig für mich. Nicht nur weil Gary ein großer Musiker ist. Vielmehr war er es eigentlich, der mich unter seine Fittiche nahm und mir zeigte, wie man eine Band zusammenhält, wie man Tourneen macht und solche Dinge. Ich war damals 18, und so war ich noch ziemlich naiv gegenüber dem, was so geschah. Den anderen Musikern dieser Gruppe fühlte ich mich darüber hinaus, wie zu Gary auch, musikalisch verwandt: Steve Swallow, Bobby Moses und Mick Goodrick. Ich glaube, alle diese Jungs haben mich damals am stärksten beeinflußt.

LJ: Bobby Moses war ja dann auch der Schlagzeuger bei Deiner ersten Plattenproduktion. Bassist war Jaco Pastorius. Wie beurteilst Du die Musik mit diesem Deinem ersten Trio, wenn Du von heute zurückschaust?

PM: Es war ein phantastisch gutes Trio. Wir spielten viel zusammen. Die Musik, die wir für das Album aufnahmen, war eigentlich nicht ganz repräsentativ für das, was wir insgesamt damals gemacht haben. Wir spielten in diesem Trio in erster Linie Standards. Das vermutet kein Mensch, wenn er heute diese Platte hört. Es war damals ein von Bill Evans inspiriertes Trio. Nun, es war damals Zeit für mich, eine Platte zu machen, und so nahmen wir Stücke von mir auf. Vielleicht hätten wir auch einige Standards aufnehmen sollen. Für mich ist das aber o.k. Ansonsten ist es schwierig für mich, meine Platten anzuhören. Auf jeder Platte gibt es ein Stück, das ich besonders mag.

LJ: Wie würdest Du die Musik Deiner bisherigen Gruppen im Vergleich mit der gegenwärtigen 80/81-Besetzung beschreiben?

PM: Es gibt da für mich Unterschiede und Übereinstimmungen. Für mein Gefühl sind die Unterschiede nicht sehr groß. Ich versuche in jeder Situation so gut zu spielen wie es geht, in der größtmöglichen musikalischen Übereinstimmung mit den anderen Musikern. Bei meinen Gruppen lag der Schwerpunkt im kompositorischen Bereich. Lyle Mays und ich, wir haben lange daran gearbeitet. Wenn ich immer mit einer Gruppe wie 80/81 spielen müßte, würde ich wahrscheinlich verrückt werden. Es gefällt mir, daß hier viel improvisatorisches passiert, aber ich vermisse den kompositorischen Aspekt. Auf der anderen Seite fehlte mir in meiner Gruppe mit Lyle, Mark [Egan] und Danny [Gottlieb] das Jazz-Element immer ein wenig. Und dem fühle ich mich doch sehr verbunden. Mark kann zum Beispiel keinen richtigen Swing spielen. So hat sich die Gruppe inzwischen geändert. Lyle und Danny sind immer noch dabei, aber wir haben jetzt einen phantastischen neuen Bassisten: Steve Rodby. Er spielt akustischen Baß. Auch Nana Vasconcelos spielt jetzt mit uns zusammen. Seit dieser Veränderung erfüllt meine Gruppe alle meine Bedürfnisse. Seit Februar waren wir in den Staaten unterwegs, und ich fand das sehr spannend. Es ist die beste Musik, die ich je mit einer Gruppe gemacht habe.

LJ: Da erübrigt sich wohl die Frage nach einer Traumbesetzung, mit der Du mal spielen wolltest?

PM: Im Moment ist das meine eigene Band. Für die Art von Musik, für die ich mich interessiere, ist dies die beste Kombination von Leuten. Früher war das nicht so. Da war die Gruppe irgendwie eindimensional. Ich dachte, man kann mit dieser Gruppe nur etwas Bestimmtes machen. Jetzt aber mit dem neuen akustischen Bassisten und mit Danny, der sich übrigens im letzten Jahr enorm verbessert hat, mit Nana, der eine großartige Ergänzung ist, und Lyle, der ebenfalls ein großer Musiker ist, kann ich einfach alles machen. Wir könnten einen ganzen Abend Rock 'n' Roll spielen, das wäre genauso riesig. Aber wir machen keines von beidem. Wir vermeiden es, etwas Spezielles zu machen. Wir spielen, und da kommt einfach etwas dabei heraus. Ich amüsiere mich übrigens immer köstlich, wenn Leute solch drastische Unterschiede machen zwischen dem, was ich mit der Gruppe biete, und dem, was ich mit '80/81' biete. Es ist natürlich ein Unterschied, ob Jack DeJohnette am Schlagzeug sitzt oder Dan Gottlieb. Das ist sogar ein Riesenunterschied. Aber stilistisch ist das, was wir in der Gruppe machen, doch auch ein bischen anders als das, was man so tagtäglich hört, zum Beispiel einen Billy Cobham, der richtigen Rock macht. Wir haben ein richtiges Rock-Stück gemacht, das was 'American Garage', eine Art musikalischer Spaß.

LJ: Kannst Du noch ein wenig zum musikalischen Konzept der '80/81'-Gruppe sagen?

PM: Zuerst möchte ich sagen, es ist nicht meine Gruppe. Es ist eine kooperative Gruppe. Es war meine Idee, die Jungs zu einer Plattenproduktion zusammenzurufen. Wir hatten einen solchen Spaß, als wir die Platte aufnahmen, daß wir beschlossen, auch einmal in dieser Besetzung eine Tour zu unternehmen. Es ist leicht zu erkennen, daß es nicht meine Gruppe ist. Das ganze ist mehr oder weniger eine Art Jam Session.

LJ: Bei dem Konzert in Berlin fragten mich immer wieder Leute, wer denn nun der Leiter dieser Gruppe sei . . .

PM: . . . es gibt keinen Leiter . . .

LJ: . . . ich sagte, man kann genausogut sagen Michael Brecker, Jack DeJohnette, Charlie Haden oder Dewey Redman . . .

PM: . . . Das ist richtig. Du weißt, daß jeder seine eigene Gruppe hat. Die Tour jetzt dauert nur etwa zwei Wochen. Und wir tun dies, weil es uns ganz einfach Spaß macht zusammenzuspielen. Und wir tun dies nicht, um damit Geld zu verdienen.

LJ: Du arbeitest hier zum erstenmal mit Saxophonisten zusammen . . .

PM: . . . das ist das Entscheidende, was ich immer antworte, wenn mich Leute nach Vergleichen zur Musik meiner Gruppe fragen. Zum ersten Male habe ich hier die Möglichkeit für diese Element des Atems zu schreiben. Mir fiel irgendwann einmal auf, daß alle Instrumente, mit denen ich auf Garys und meinen eigenen Platten gearbeitet hatte, Instrumente aus der Rhythmusgruppe waren: Piano, Baß, Gitarre, Vibraphon, Schlagzeug, Perkussion und Synthesizer. Nie hatte ich die Möglichkeit, für diese Menschliche Element zu schreiben, und das habe ich wirklich bedauert. Der Klang des Atems, das ist etwas sehr Wichtiges. Das war der Hauptgrund für mich, so etwas wie '80/81' überhaupt zu machen.

LJ: Es ist ein großer Unterschied, für Saxophon oder für Gitarre zu schreiben?

PM: Ein großer Unterschied. Das Saxophon kann viel mehr Kraft geben.

LJ: Beim Berliner Auftritt hörte ich Dich erstmals mit einer neuartigen Gitarre, an der Du vor allem mit einem Sustain-Regler arbeitest und so einen neuen Klang hervorbringst. Wirst Du dieses Instrument in Zukunft öfter verwenden?

PM: Ja. Ich bin im Moment noch sehr mit diesem Instrument beschäftigt. Für mich ist es eine neue Klangfarbe. Gleichzeitig aber bewahrt es alles, was ich bisher gemacht habe. Die Phrasierung, mehr bläserähnliche Klänge, die man damit erreichen kann, das fasziniert mich sehr daran. Ich mag das sehr und werde diese Gitarre auf dem nächsten Album, das wir im Oktober aufnehmen werden, ausführlich vorstellen.

LJ: Mir gefällt dieses Instrument nicht so sehr. An Deinem Spiel waren bisher immer Deine klaren, gläsernen Melodielinien beeindruckend. Das fehlt mir auf diesem Instrument.

PM: Das liegt wahrscheinlich daran, daß Du mich mit diesem Instrument noch nicht so oft gehört hast. Es kann so melodisch klingen wie jedes andere Instrument auch. Gerade in dieser Band suche ich ständig nach Alternativen zum melodischen Spiel. Das mit den Melodien ist so eine Sache. Ich lernte im Lauf der Zeit, überall Melodien zu hören. Ich höre heute Melodien überall, wo ich bin. Das konnte ich früher noch nicht. Eine Brandung ist ja nun in der Tat nicht melodisch. Für mich ist das eine spezielle Art von Melodie, die ich auf dieser neuen Gitarre ausdrücken kann. Ich glaube, wenn Du mich öfters auf diesem Instrument gehört hast, wird es Dir auch gefallen.

LJ: Arbeitest Du in den USA auch als Session-Musiker?

PM: Ich spiele nur auf meinen eigenen Platten. Ich bekomme viele Anrufe, ob ich nicht an Produktionen anderer Musiker mitwirken möchte, aber mit der Ausnahme von Joni Mitchell habe ich alles ausgeschlagen. Mit Joni Mitchell zu spielen, das war für mich so etwas wie ein Sommerferien-Spaß. Bis zu jenem Zeitpunkt war ich drei Jahre ununterbrochen unterwegs. Sie rief mich an für eine kleine Sache, die nur zwei Monate dauern sollte. Das war irgendwie eine hübsche Abwechslung für mich.

LJ: Was war das für ein Gefühl, mit Joni Mitchell zu spielen?

PM: Sie ist eine große Sängerin. Das, was sie tut, vertritt sie mit ihrer starken Persönlichkeit. Ich habe das genossen, es hat viel Spaß gemacht. Ich meine, es war nicht so aufregend, wie jetzt mit diesen Jungs [80/81] zu spielen. Es war eine nette Sache, die viel Spaß gemacht hat.

LJ: Mit '80/81' wie mit Deinem Quartett spielst Du sowohl auf Festivals als auch in Clubs. Spielst Du gerne auf Festivals - oft ist es doch so, daß man auf Festivals nur einen kleinen Querschnitt durch das Repertoire vorstellen kann.

PM: Mit '80/81' spielen wir auf zwei Festivals. Die Idee von Festivals begeistert mich im Prinzip nicht so sehr. Mit meiner eigenen Band werde ich so bald nicht wieder auf Festivals spielen. Die Atmosphäre bringt uns nichts. Im übrigen mag ich diese Idee musikalischer Büffets, auf denen die Musiker häppchenweise serviert werden, nicht. Speziell mit einer eigenen Band ist es schwierig, in einer Spielzeit, die kürzer als drei Stunden ist, zu spielen und dabei alles in die Musik hineinzulegen, was man geben möchte. Wir machen so viele Dinge, einmal spielen wir alle zusammen Synthesizer, dann spielen wir alle einmal akustische Instrumente. In einem Festival-Auftritt kann man da nur Stückchen aus dem Gesamtbild herausreißen. Mit '80/81' mache ich mehr eine traditionelle Art von Jazz, und die läßt sich in einem solchen Rahmen eher präsentieren. Trotzdem ist der einzige Grund, warum ich daran interessiert bin, Musik zu spielen, der, für Leute zu spielen. Wenn ich für mich alleine spielen müßte, würde ich das nie tun. Der Gedanke, für Leute zu spielen, bedeutet mir sehr viel.

LJ: Deine letzte Platte [As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls] hast Du zusammen mit dem Keyboard-Spieler Lyle Mays und dem Perkussionisten Nana Vasconcelos aufgenommen. Die A-Seite dieser Platte nimmt eine Suite ein, die in ihrem Charakter meditativ ist. Man muß sich bei dieser Musik sehr konzentrieren und entspannt sich doch gleichzeitig. Mit diesem Stück hast Du wieder etwas völlig Neues geschrieben, wenn man an die Klangfarben zum Beispiel denkt.

PM: Lyle und ich schreiben ja viel, und da hat sich vieles ergeben, was sich im Gruppenrahmen nicht realisieren läßt. So wollten wir eine Platte machen, die unsere Hauptinteressen, nämlich die Kompositionen, vorstellt. Es wird dort wenig im jazzüblichen Sinne improvisiert. Als wir die Platte aufnahmen, hatten wir plötzlich dieses lange Stück, das noch irgendwie verschwommen war. Je mehr wir uns bemühten, aus der Unbestimmtheit herauszukommen, desto mehr blieben wir darin. Mir gefällt es, auf meine Platten zurückzuschauen und dabei festzustellen, daß jede anders ist. Ich kenne viele Künstler, die eine sehr erfolgreiche Platte gemacht haben und solch eine Platte wieder und wieder machen, die dann trotzdem nicht mehr so erfolgreich wird. Ich hatte speziell in den USA einige sehr erfolgreiche Platten. Da kamen dann die Leute von Warner Brothers, welche ECM in Amerika vertreiben, und wollten, daß ich solch eine Platte wieder mache, damit sie so richtig kassieren können. Für mich ist das nicht das Wichtigste. Für mich als Musiker ist es das Wichtigste, live zu spielen. Wenn ich für ein Live-Publikum spiele, nehme ich das sehr ernst. Ein Musiker muß live spielen. Ich mag es, sehr viele verschiedene Ding zu machen. Manchmal würde ich gerne eine gesungene Platte machen, an der viele brasilianische Musiker mitwirken. Die nächste Platte mit meiner Gruppe zum Beispiel wird wieder einen ganz anderen Klang vorstellen. Ich werde darauf viel mit dem Gitarren-Synthesizer machen, den ich auf Platten noch nicht verwendet habe. Du merkst, ich weiß nicht, warum die eine Platte so ist und die andere so. So wie sie jeweils geworden ist, war es in der Zeit, zu der sie entstanden ist, richtig. Wenn wir schreiben, denken wir nicht daran, was es ist, wir versuchen einfach, uns am besten zu verwirklichen.

LJ: In Deinen Konzerten trifft man mehr auf ein jüngeres Publikum, ältere Leute sieht man kaum. Gerade für ältere Jazzfans ist die elektrische Gitarre oft ein Instrument der Rockmusik. Es gibt da ja Puristen, die schnell dazu neigen zu sagen, oh diese Gruppe verwendet elektrische Instrumente, das ist bestimmt eine Rock-Gruppe, auf diesen Rock-Instrumenten kann man keinen richtigen Jazz spielen.

PM: Was immer 'richtiger Jazz' ist, da haben sie durchaus recht - wir können keinen 'richtigen' Jazz spielen. Was immer der Begriff auch bedeuten mag.

LJ: Was würdest Du diesen Leuten sagen?

PM: Ich würde ihnen sagen, daß sie lieber zu Hause bleiben sollten. Ich habe das schon wirklich oft gehört. Ich bin nicht dazu da, um für Kontroversen herzuhalten. Wenn Leute sich über elektrische oder akustische Instrumente streiten wollen, dann sollen sie das tun, das gilt auch für den Streit um die Begriffe 'Jazz' und 'Rock'. Für mich ist das alles Gerede, was mit der musikalischen Realität nichts zu tun hat. Musiker sprechen übrigens über solche Dinge kaum, gute Musiker am wenigsten. Musiker sind für mich die offensten Leute. Ich habe es vorhin schon gesagt, für mich ist es am wichtigsten, auf einem möglichst hohen Niveau zu spielen, und da gibt es immer wieder Leute, die nicht mögen, was man macht, egal, was es auch ist. So ist es nun mal.

LJ: Ich möchte doch ganz gerne eine Kategorie gebrauchen: spielst Du 'Fusion Music'? Aus Amerika ist mir eine solche Bezeichnung Deiner Musik bekannt.

PM: Ich würde das nie sagen. Wenn mir jemand eine Pistole an den Kopf halten würde und ich müßte mit einem Wort sagen, was ich spiele, dann würde ich sagen 'Jazz'. Der Hauptgrund, warum man überhaupt zusammen spielt, ist doch der, daß man sich als Improvisator ausdrücken möchte. Das ist das einzige Element, das vom Dixieland bis heute geblieben ist. Wir können noch so sorgfältig konzipierte Stücke spielen, wenn dabei das Solo nicht gut ist, dann ist einfach das ganze Stück nicht gut. So gesehen sind wir eine Jazzgruppe. Aber es ist ganz einfach zeitgenössische Musik, was wir spielen.

LJ: Ich bin eigentlich auch nicht unbedingt ein Freund der Kategorien. Es gibt ja von Duke Ellington den Satz, es gäbe nur gute oder schlechte Musik . . .

PM: . . . genau. Die meisten verständigen Leute sehen das so. Ich verstehe nicht, warum diese Art zu denken nicht auf die Presse übergeht. Es kann doch niemand sagen, der ganze Rock 'n' Roll ist schlecht. Niemand kann sagen, der ganze Jazz ist gut. Das geht einfach nicht.


Diskographie


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