Ich muss gute Töne finden

Der Gitarrist Pat Metheny hat bisher 17 Grammys gewonnen. Jetzt bringt er mit dem Brad Mehldau Trio eine neue CD heraus. Im Interview spricht er über Politik, Amerikas Avantgarde und seine "Zukunftsmusik".

March 28, 2007 by Maxi Sickert for ZEIT online


ZEIT online: Herr Metheny, Sie waren im Februar zur Amtseinführung des neuen UNO-Generalsekretärs Ban Ki-Moon eingeladen, um den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone vorzustellen. Wie kam es dazu?

Pat Metheny: Ich habe über die Jahre einige seiner Stücke aufgenommen, und ich bekam großartige Kommentare aus Italien von ihm, wenn er unsere Versionen gehört hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte immer eine starke Verbindung zu Italien. Die Unterstützung, die meine eigene Musik dort erfahren hat, ist unvergleichlich größer als irgendwo sonst. Ich glaube, die Vereinten Nationen suchten einfach jemanden, der eine Verbindung zu dem Land und besonders zum Maestro selbst hatte. Ich war sehr geehrt, in dieser Nacht dort zu sein, um ihn vorzustellen.

ZEIT online: Sie nutzten Ihre Rede auch, um auf dringende Probleme wie die Bekämpfung von AIDS und die Gefahren der globalen Erwärmung hinzuweisen. Sonst haben Sie sich selten politisch geäußert. Jetzt gibt es auch die neue Rubrik "Pat empfiehlt" auf Ihrer Website, in der Sie auf Musik, Filme und Bücher hinweisen, die Sie wichtig finden.

Metheny: Ich freue mich, meine kleinen Gedanken und Dinge beizusteuern zu der Art und Weise, wie sich die Kultur dieser Tage bewegt.

ZEIT online: Gerade wurde ihr Duett mit Brad Mehldau bei iTunes zum besten Jazzalbum des vergangenen Jahres gewählt. Wie wichtig sind iTunes und das Internet für Sie?

Metheny: Nun, insoweit, als ich ein Mitglied dieser Kultur bin. Ich habe einen Computer, ich habe auch ein Konto bei iTunes; es beunruhigt mich nicht sehr. Es gibt dieser Tage viele Diskussionen über das Musikgeschäft in Verbindung mit Downloads. Ich bin mir dessen zwar bewusst, aber ich bin vor allem Musiker. Und daher ist mein Hauptanliegen, gute Töne zu finden. Das beansprucht jede wache Minute meiner Zeit. Und ich bin nun schon lange genug dabei, um zu erkennen, dass die meisten Menschen, die solche Dinge schätzen, wahrscheinlich noch nicht einmal geboren sind.

ZEIT online: Sie machen also Musik für die Zukunft?

Metheny: Die Platten, die ich vor dreißig Jahren gemacht habe, wie Bright Size Life, wurden früher nur von Wenigen gehört. Und heute, dreißig Jahre später, von Hunderttausenden. Das hätte ich damals nicht erwartet. 1976 verkaufte sich die Platte 900mal im ersten Jahr. Und jetzt hat sich dasselbe Album über eine halbe Million Mal verkauft. Das ist großartig! Ich höre jetzt so viel über diese Platte - und das von ganz jungen Leuten, die damals noch nicht auf der Welt waren. Aber was ich eigentlich sagen will: Unser Job als Musiker ist, einfach zu spielen. Die kulturelle Umgebung ist interessant, aber nicht so wichtig.

ZEIT online: Barack Obama wird vielleicht der nächste Präsident Amerikas. Wie finden ihn die Musiker?

Metheny: Nun, an diesem Punkt wäre alles und jeder andere eine Verbesserung. Innerhalb der musikalischen Gemeinschaft sehen wir es einfach mit Freude, wenn jemand kommt, der in ganzen Sätzen sprechen kann und der auch noch in der Lage zu sein scheint, auf eine komplexere Weise zu denken. In diesem Sinne erfüllt Barack Obama perfekt, wonach wir hungern. Ich habe das Gefühl, dass in Ihrer Frage ein Subtext steckt, weil Obama schwarz ist. Ehrlich gesagt, ich glaube, innerhalb der Musiker-Gemeinschaft ist das vielleicht erwähnenswert aber ansonsten nicht wirklich wichtig. Wir haben das alle nun schon dreißig oder vierzig Jahre hinter uns gelassen.

ZEIT online: Amerika ist also aus Ihrer Sicht bereit für einen ersten schwarzen Präsidenten?

Metheny: Die Hautfarbe ist nicht mehr entscheidend, sondern was er für das Land erreichen will.

ZEIT online: Mit dem Free-Jazz-Saxofonisten Ornette Coleman haben Sie 1985 das Album Song X aufgenommen. Vor zwei Jahren ist es noch einmal in erweiterter Form mit bis dahin unveröffentlichten Stücken erschienen. Ornette Coleman hat gerade, mehr als vierzig Jahre nach seinen bahnbrechenden Neuerungen, einen Grammy für sein Lebenswerk erhalten. Diese Auszeichnung wirkt wie ein Grammy für die lang missachtete amerikanische Avantgarde insgesamt. Wie sehen Sie das? Wird die Avantgarde in Amerika jetzt als Kunst akzeptiert?

Metheny: Ich sehe diese Grammy-Verleihungen eher kritisch und mehr als kommerzielles, denn als künstlerisches Ereignis. Aber die Beachtung von dem, was Ornette macht, ist bemerkens- und schätzenswert. Und natürlich ist es großartig, dass sie ihm den Preis gegeben haben. Aber über ein neues kulturelles Bewusstsein in Amerika zu sprechen, wäre wohl verfrüht. Nicht einmal Ornette würde das sagen. Wenn sie in Amerika die Straße hinunter gingen - nicht in New York oder Los Angeles, aber dort, wo ich herkomme - also, wenn sie da 100 Menschen fragten, wer John Coltrane war, wäre ich überrascht, wenn Sie einen oder zwei fänden, die es wissen. Und wenn man nach Ornette fragte, wären es noch weniger. So ist es einfach, und dieser Grammy bedeutet keine Veränderung. Es war immer so. Amerika ist nicht der Ort, an dem man sich kulturell über Jazz bewusst oder auch nur daran interessiert ist.

ZEIT online: Obwohl Ihre eigene Musik sehr melodisch ist, haben Sie sehr viel mit Musikern aus dem Avantgarde-Umfeld gespielt. Neben Ornette Coleman auch mit dem englischen Gitarristen Derek Bailey. Wie wichtig ist Ihnen diese Art Musik?

Metheny: Wann immer eine Frage kommt, bei der es um "diese Art Musik" geht, fällt es mir schwer, darauf wirklich ernsthaft einzugehen, denn ich denke nicht in diesen Kategorien. Für mich ist Musik eine große Einheit. Ob wir über Schostakowitsch oder Joni Mitchell oder Herbie Hancock sprechen. Musik ist. Für mich ist die Frage nach dem Stil grundsätzlich politisch oder kulturell und hat nichts mit der Musik selbst zu tun. Das gilt besonders, wenn sich Menschen über die Musik, die sie hören, definieren und damit eine politische und kulturelle Zugehörigkeit ausdrücken möchten. Natürlich gibt es so etwas wie verschiedene Dialekte innerhalb der Musik. Was Ornette und Derek betrifft, hat mich ihr Klang fasziniert. Und die Frage, wie mein Spiel innerhalb ihres speziellen Dialekts funktioniert. Stil und Genre sind für mich nicht interessant. Ich bin an Klang interessiert. Das bedeutet mir Musik.

Pat Metheny und Brad Mehldau auf Tournee:
21.6. Schloss Neu Hardenberg
26.6. München - Tollwood
26.6. Bonn - Museumsplatz
30.6. Salzau - JazzBaltica

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