PAT METHENY

KOMPLEXE LEICHTIGKEIT

Januar 2002 von Wolf Kampmann für Jazzthing, Februar/März 02


Pat Metheny muss längst nichts mehr beweisen. Er hat butterweiche Alben gemacht wie "Secret Story" und knochentrockenen Hardcore gespielt wie auf "Zero Tolerance For Silence", hat spontan improvisiert wie mit Derek Bailey auf "In The Sign Of Four" oder in Steve Reichs "Electric Counterpoint" Präzisionsarbeit geleistet. Er hat mit David Bowie einen erfolgreichen Pop-Song inszeniert, sich mit Jim Hall in die Geschichte fallen lassen und mit Ornette Coleman das Jazz-Rad in Richtung Zukunft gedreht. Auf dem neuen Album der Pat Metheny Group, "Speaking Of Now", kann er einfach Pat Metheny sein. Nachdem er einst über imaginäre Tage plauderte, spricht er nun vom Jetzt.

Alles ist vom ersten Ton an vertraut. Da sind jene weiten gesnaglichen Bögen, Melodien, deren Reichtum man beim ersten Hören gar nicht erfasst, da sind jene maßlosen Arrangements, die an aufwendige Breitwandfilme erinnern, jene ins Gigantische gesteigerten Endlos-Ostinati bestimmter rhythmischer und harmonischer Strukturen, auf denen sich Methenys singender Ton nach Herzenslust austoben kann. Wer die Musik der Pat Metheny Group schon immer gemocht hat, wird sich auch in diesem neuen Album baden können, wer nicht, wird auch jetzt nicht zum Konvertiten.

Und doch: Wenn man genau hinhört, sind da einige entscheidende Veränderungen gegenüber allen früheren Werken. "Das Album klingt so unglaublich einfach -- und doch ist es so komplex wie keine Platte, die wir zuvor gemacht haben", erklärt der Gitarrist in seinem Studio am Broadway. "Doch ich denke, man muss die Platte mindestens dreimal gehört haben, bis man voll dahintersteigt, was alles in der Musik steckt."

Die auffälligsten Veränderungen sind zunächst besetzungstechnischer Art. Pat Metheny hat eine radikale Neuformierung seines Line-ups realisiert. Da sind nicht nur einfach Musiker ausgetauscht, sondern programmatische Weicjenstellungen vorgenommen worden. Nie zuvor hatte Metheny eine derartige Breite an unterschiedlichem kulturellen und traditionellen Hintergrund in seiner Band gebündelt. Vom Stamm der Gruppe sind einzig Keyboarder Lyle Mays und Bassist Steve Rodby erhalten geblieben.

Zuallererst fällt Trompeter Cuong Vu ins Auge. Vu, der noch in seinen Zwanzigern steckt, wuchs im Umfeld von Dave Douglas auf, spielte auf dessen Platte "Sanctuary" einen herausragenden Part und hat mittlerweile unter eigenem Namen vier Platten veröffentlicht, auf denen er die Trompete in einen völlig neuen Kontext stellt. "Ich mag den Klang der Trompete nicht besonders", lächelt Vu, "und doch ist sie mein Instrument. Also musste ich einen Weg finden, sie nicht wie eine Trompete klingen zu lassen. Eher zufällig stieß ich auf verschiedene Möglichkeiten, ihren Sound elektronisch zu modifizieren." Vu und Metheny ergeben eine perfekte Symbiose, denn während die Ästhetik des Gitarristen immer in Richtung Trompete zielte, nähert sich Vu der Trompete eher wie ein Gitarrist. "Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, einen Bläser in die Band zu integrieren", erzählt Metheny, "Dass dies bis jetzt noch nicht erfolgt war, hat verschiedene Ursachen. Die Pat Metheny Group ist ein Ensemble mit einem ziemlich genau definierten Rahmen. Da passt nicht jeder Bläser hinein. Der einzige, von dem ich es mir hätte vorstellen können, war Michael Brecker, doch der hat mit seinen eigenen Projekten genug zu tun. Also war ich weiter auf der Suche. Eines Tages hörte ich im Radio ein Stück, das mich absolut fesselte. In der Absage nahm ich den Namen Cuong Vu wahr. Ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Eine Band? Ein Musiker? Ich rief an und erfuhr, dass es ein Trompeter aus Brooklyn sei. Ich konnte es kaum fassen. Da lebe ich in dieser Stadt und kenne ihn nicht. Die Jazzszene in New York leidet unter einer furchtbaren Segregation. Jedenfalls ließ ich mir über die Telefonauskunft die Nummern aller Cuong Vus in Brooklyn geben. Es gab nur einen. Das musste der richtige sein. Ich rief ihn an, wir trafen uns, und er erzählte mir, dass ihm meine Musik schon immer sehr viel bedeutet hätte. Es schien perfekt." Cuong Vu bestand auf ein Vorspielen, Metheny war hingerissen, machte den Trompeter aber darauf aufmerksam, dass er in der Pat Metheny Group etwas anderes spielen müsse als in seinen eigenen Projekten. Nicht so flächig, sondern eher in einer modal melodischen Art, die auf die Traditionen Miles Davis' und John Coltranes zurückgreift. Vu, der den Bebop von der Pike auf gelernt hatte, sah darin kein Problem. "Während der Proben sang er eine Melodie vor sich hin," erinnert sich Metheny. "Plötzlich wurde mir bewusst, dass er auch ein fantastischer Sänger ist. Umso besser, dachte ich mir. Da er auch viel mit Sounds arbeitet, konnte er einige Funktionen von Lyle übernehmen, der dadurch wesentlich mehr spielerische Freiheiten erhielt und sich entfalten konnte wie noch nie. Wir strukturierten die Musik völlig neu, um Cuongs Fähigkeiten adäquaten Raum zu geben. Er ist auch mit zwei prominenten Soli gefeaturet." Diese Soli fügen sich so harmonisch und geschmeidig in die dynamischen Prozesse des Albums, dass man schon genau hinhören muss, um sie überhaupt als separates Element wahrzunehmen. Der Fluss der Platte ist so dicht, dass die Solo-Exkurse dahingleiten wie Primaballerinen auf Schlittschuhen. Dafür zeichnet in erster Linie der neue Drummer Antonio Sanchez verantwortlich. "Ich kann wirklich nichts Schlechtes über meine früheren Schlagzeuger Danny Gottlieb und Paul Wertico sagen," meint Metheny. "Doch für diese Platte suchte ich jemanden mit einem ganz weichen und doch kraftvollen Stil. Einen Drummer in der Art von Bill Stewart. Es schien schon fast aussichtslos, jemanden zu finden, der diesem Anspruch gerecht würde. Dann hörte ich Antonio Sanchez in der Band von Danilo Perez. Ich traute meinen Ohren kaum. Er konnte wirklich von jedem Beat, jeder Stimmung auf jedes beliebige andere Tempo umschalten, ohne dass man einen Bruch wahrgenommen hätte. Als er mir dann auch noch erklärte, dass er seit seiner Jugend mit meiner Musik vertraut sei, wusste ich, dass ich einmal mehr den richtigen Mann gefunden hatte."

Der dritte Neue im Pat-Metheny-Bund ist Richard Bona. Er ist auf "Speaking Of Now" weniger als Bassist denn als Sänger und Perkussionist präsent, als Mann für die musikalische Dübelmasse, die dem Gesamtkomplex den letzten Schliff und Zusammenhalt gibt. "Auch er war ein Glücksgriff", schwärmt Metheny und strahlt von einem Ohr zum anderen. "Ich rief ihn an und fragte, ob er mir jemanden empfehlen könne, der singen und Percussions spielen kann, ein ausgeprägtes Gefühl sowohl für Harmonien als auch Rhythmus habe, sich in eine Band wie meine einfügen könne und Zeit habe, ein Jahr auf Tour zu gehen. Richard überlegte nicht lange und sagte, er habe den perfekten Mann für mich. Ich fragte, wer das sein solle, und er entgegnete: 'Na, ich selbst!' Ich war sofort einverstanden. In der Tat passte er hervorragend in den Kontext der Pat Metheny Group. Auch das war einer dieser glücklichen Zufälle, die mehr mit dem Leben zu tun haben als mit einer bewussten künstlerischen Entscheidung."

Entsprechend lebendig ist das neue Album. Klang die letzte Platte der Pat Metheny Group, "Imaginary Day" von 1997, wie ein perfekt im Studio inszeniertes Monumentalgemälde, so gewinnt Metheny mit "Speaking Of Now" jene Leichtigkeit zurück, die für die frühen Alben der Band charakteristisch war. Sogar erklärte Metheny-Gegner räumen ein, dass den Songs eine spielerische Losgelöstheit eigen ist, die geradezu befreiend wirkt. Vom technischen Standpunkt ist die neue jazziger als die letzten beiden Group-Platten, aus der Perspektive der musikalischen Einflüsse ist sie vielfältiger, hintergründiger und vor allem organischer verwoben als irgendeine Platte, die Metheny je gemacht hat. "Die Sessions waren so erfreulich, dass ich es kaum fassen konnte. Wir brauchten nicht lange zu proben, gingen ins Studio, begannen zu spielen und nahmen die Platte beinahe in einem Ritt auf. Es ist viel weniger eine produzierte oder inszenierte als eine gespielte Platte. Sie fühlte sich im Studio wirklich an wie ein Live-Album. Ich kann kaum erwarten, mit dieser Band auf Tour zu gehen."

Vielleicht dokumentiert das neue Metheny-Album auch einfach nur in besonders offener Form ein derzeit transamerikanisches Bedürfnis, sich einen gewissen Druck von der Seele zu spielen. Es wirkt in seiner Leichtigkeit, Ruhe und beschwingten Friedfertigkeit wie ein labendes Wundpflaster für unsere geschundenen Zeiten. Metheny widerspricht vorsichtig. "Ich empfinde die Platte überhaupt nicht als ruhig und friedfertig. Natürlich kann ich nichts darüber sagen, wie sie auf andere Leute wirkt. Aber für mich selbst ist sie ganz dicht, komplex und voller interner Bewegung. Wenngleich ich sagen muss, dass ich froh bin, sie in so kurzer Zeit aufgenommen zu haben. Wir haben die Aufnahmmen in unmittelbarer Nähe des Times Square gemacht, und niemand hätte sagen können, ob hier nicht auch eine Bombe hochgehen würde. Ich finde, es ist das richtige Album zur Zeit, auch wenn man die Musik nicht 1:1 in einen konkreten gesellschaflichen Zusammenhang rückübersetzen kann."

Daher auch der Titel. Pat Metheny ist alles andere als von Panik ergriffen. Im Gegenteil: Als wacher Beobachter seiner Umgebung leistet er sich den Luxus, tief durchzuatmen und statt leichtfertiger singulärer Standortbestimmungen ein Statement zu verfassen, dass ganz unterschiedliche Erfahrungen vereinbart. Cuong Vu charakterisiert Metheny wie folgt: "Pat ist ein Mann, dessen Offenheit manchmal entwaffnend ist. Dennoch weiß er stets ganz genau, was er will. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern weiß er darüber hinaus, dass er stets auch erreichen wird, was er will. Das macht die Arbeit mit ihm zu einer hervorragenden Schule."

Das Jahr 2002 steht für den Gitarristen ganz im Zeichen der Straße. Metheny kann es kaum erwarten, wieder on the road zu sein, und das nicht nur, weil er seine neue Band endlich live ausprobieren will. Nein, er ist kürzlich zum zweiten Mal Vater geworden, und "auch wenn es sich niemand vorstellen kann, auf Tour werde ich mich endlich mal ausschlafen können. Ich habe seit fast anderthalb Jahren so gut wie überhaupt nicht mehr geschlafen. Verglichen mit dem Stress des Alltags ist so eine Tour eine regelrechte Erholungspause für mich."

Auswahldiskografie
Pat Metheny
Imaginary Day 1997 [Warner]
Jim Hall & Pat Metheny 1999 [Telarc]
Pat Metheny Trio Live 2000 [Warner]
Speaking Of Now 2002

Cuong Vu
Pue 2000 [Knitting Factory]
Bound 2000 [OmniTone]
Come Play With Me 2001 [Knitting Factory]


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: February 24, 2002