"Musiker können die Welt verändern, Raum für neue Kräfte schaffen"

Pat Metheny

von Ludwig Jurgeit für Jazz Podium Nr. 3, März 2001, Seite 26


"Ich kann kaum glauben, dass wir so lange gebraucht haben, um wieder einmal eine Live-Trio-Platte herauszubringen", schreibt Pat Metheny auf der Webseite seiner Plattenfirma (www.wbjazz.com) über die Live-Doppel-CD "Pat Metheny Trio→Live". "Wir haben immer lieber etwas Neues gemacht, als uns Live-Mitschnitte anzuhören. Aber die allmählichen Bande, die zwischen Larry Grenadier, Bill Stewart und mir wuchsen, wurden so eng, dass ich einfach nicht anders konnte, als die Leistung dieses Trios auch durch eine Live-CD zu würdigen. Es sollte aber kein Aufguss unserer Studio-CD [Pat Metheny Trio 99→00] sein, sondern wir wollten eine neue Message rüberbringen." Und das liefert die Doppel-CD auch. Neben Songs, die Metheny in den letzten 25 Jahren in verschiedenen Besetzungen aufgenommen hat und die hier im Trio neu definiert wurden, fanden drei neue Kompositionen Platz auf dem Album: Die Ballade "Night turns into day" und die an Methenys Free-Ausflüge erinnernden "Faith healer" und "Counting Texas". Ein Album, das zur allgemeinen Rückschau und zum Ausblick an der Schwelle zum neuen Jahrtausend passt. Ludwig Jurgeit stellte die folgenden Fragen an den Gitarristen.


Wie sehen Sie die Rolle der Musikindustrie?

Ich bin froh, bei einer Plattenfirma unter Vertrag zu stehen, die mir volle künstlerische Freiheiten einräumt. Die Musikindustrie hat sich radikal verändert. Das größte Problem im Musikbusiness scheint mir das Radio zu sein. Radiosender in Amerika spielen keine Musik, außer vielleicht 15, 20 oder 40 Songs. Man denke nur an all die großartige Musik, die es auf der Welt gibt und die die Rundfunkhörer niemals hören werden.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie Ihre Aufnahmen aus den 80ern hören?

Wenn ich meine eigenen Aufnahmen höre, habe ich komplexe Empfindungen. Das beginnt mit der Dynamik. Wir haben alle paar Jahre neue technische Möglichkeiten und die nächste Platte klingt technisch besser als die vorhergehende. Ihre Frage passt gut zu einem Riesenprojekt, das wir gerade nach 13 Jahren abgeschlossen haben: Ein Songbook, mit allen rund 200 Songs, die ich jemals geschrieben habe, die nun alle in lesbarer Form vorliegen. Ich war froh, einiges aus diesem Repertoire nach langer Zeit wieder anzuhören, die Voicings, all die Emotionen. Einige Songs entsprangen wie so manche Improvisation dem Leben und waren nicht so strukturiert wie andere.

Was reizt Sie daran, immer wieder Material von Ornette Coleman aufzugreifen?

Ornette inspiriert mich immer noch, hinsichtlich seiner melodischen und harmonischen Einfälle. Seine Kompositionen begrenzen dich nicht in Bezug auf Phrasierung und Taktschemata. Es reizt mich, die Essenz seiner Stücke herauszuarbeiten. Wir versuchen mit viel Improvisationsgeist den Songs das Abstrakte zu nehmen und sie klingen zu lassen. Man kann das nicht einfach nur spielen, genauso wenig wie die wunderbar melodischen und smarten Songs der Beatles.

Welche Musik hat Sie schon früh geprägt und was hören Sie davon heute noch gerne?

So gut wie jede Musik, die mich irgendwann einmal berührt hat, liebe ich auch heute noch, und mit der Zeit sogar immer stärker. Miles Davis hat mich sehr geprägt. Er hat meine Entscheidung für Musik als Beruf maßgeblich beeinflusst. Mein älterer Bruder Mike, der Exzellent Trompete bläst, hat mir mit 11 Jahren eine Platte von Miles vorgespielt. Es gibt und gab Leute, die meinten, solche Musik müsse man immer wieder hören, man müsse sich in sie reingraben, um sie zu verstehen. Bei mir hat das keine zehn Sekunden gedauert: Als ich Tony Williams Cymbals hörte, war es um mich geschehen. Heute wie damals mit 11 Jahren ist es für mich eine Lust, von großen Musikern zu lernen. Damals waren meine Favoriten neben Miles: Freddie Hubbard, Clifford Brown, Wes Montgomery, Ornette Coleman, John Coltrane, Sonny Rollins, und auch die Drummer bedeuteten mir viel: Neben Tony Williams vor allem Jack DeJohnette und Max Roach. Je mehr Musiker versuchen, Platten aufzunehmen, die wie die damaligen Aufnahmen klingen sollen, desto besser klingen die Originale. Du kannst sie nicht kopieren, unmöglich. Das sind Schätze, ziemlich große Schätze.

Verraten Sie uns, wie Sie komponieren?

Manchmal höre ich eine kleine Melodie im Kopf und spiele sie jemandem vor "Hast du das schon mal gehört?" Wenn sie ihm gefällt, nehme ich sie auf. Ein anderes Mal gehe ich an meine Sammlung von zweitaktigen Phrasen, von denen ich weiß, dass da ganz viele große Melodien schlummern und entdecke eine Phrase, die ich vor fünf Jahren festgehalten habe. Melodien entstehen immer aus der Wirklichkeit heraus, auch in diesem Raum schweben sie. Eine wirklich gute Melodie findet man immer, wenn man das richtige Werkzeug und die Geduld mitbringt. Das Werkzeug eines Musikers ist sein Ohr. Er muss zum Zuhörer werden. Komponieren ist für mich ein hartes Stück Arbeit. Das Material für eine neue Platte zu schreiben kostet mich Tage, Wochen und Monate. Wir erleben heute eine unglaublich schwierige Zeitqualität, weil unsere Kreativität unter dem Diktat der Kommerzialität steht. Das fordert uns als Musiker alle heraus, die Leute zu überzeugen, dass es Denken, Hörerlebnisse und Gefühle jenseits der Alltagserfahrungen gibt. Musiker, denen das gelingt, verändern die Welt und schaffen Raum für neue Kräfte.


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: October 7, 2001