Pat Metheny
Zwei Seiten

von Angela Ballhorn für Gitarre&Bass, September 2000


Er ist ein Gitarrist, an dem sich viele Geister scheiden. Den einen ist sein Sound und die ganze Musik der Pat Metheny Group einfach zu süß und weichspülerisch. Und die echten Fans dieses intelligent konstruierten und Frequenzbereiche auslotenden Schönklanges können überhaupt nichts mit den puren Jazz- oder gar Free-Jazz-Lärm-Projekten, also der anderen Seite des Musikers Pat Metheny anfangen. Doch egal wo man auch steht: Gitarre spielen kann der Mann, das muss man ihm einfach lassen.

Während die anderen Musiker der Pat Metheny Group nach der kräftezehrenden 'Imaginary Day'-Tour (ein halbes Jahr im Studio und anderthalb Jahre fast nonstop unterwegs) alle Viere von sich strecken, ist Pat, der Workaholic, schon wieder anderweitig beschäftigt. Eine Trioplatte, "99→00" ist eben erschienen und im Juni tourte der Gitarrist mit Saxophonlegende Michael Brecker, auf dessen Alben er auch schon des Öfteren mitgespielt hat. Hier eine kurze Vorstellung des Mannes, der seit 25 Jahren ganz vorne in der Jazz-Szene mitmischt: Pat Metheny - Werdegang eines Giganten.

Geboren wurde der Ringelshirt-Liebhaber am 12. Oktober 1954 im US-Bundesstaat Missouri. Erstes Instrument war die Trompete, mit 14 kam die Gitarre dazu. Nach dem Prinzip 'frech gewinnt' ging der 15-jährige Pat vor dem Konzert des renommierten Vibraphonisten Gary Burton hinter die Bühne und fragte, ob er einsteigen könne; Pat behauptete, er würde alle Stücke spielen können. Der hartnäckige Junge ließ sich auch durch das schallende Gelächter nicht abschrecken und bekam seine Chance - und er beeindruckte Burton so, dass er ihn daraufhin in seine Band aufnahm.

In New York studierte Metheny kurze Zeit mit dem ungarischen Jazz-Gitarristen Attila Zoller, bevor ihn Gary Burton - gerade einmal 20 Jahre alt - als Lehrer ans Berklee College of Music holte. Ebenfalls mit 20 nahm Pat seine erste Trioplatte auf, 'Bright Size Life', bei der Drummer Bob Moses und Jaco Pastorius am E-Bass mitwirkten. Dieses Album ist ohne Frage eine der wichtigsten Gitarrenplatten des 20. Jahrhunderts, mit einem Sound und einer Spielweise, die absolut stilbildend wirkte.

Seit fast 25 Jahren gibt es bereits die Pat Metheny Group, von Anfang an mit dabei ist der Keyboardspieler und Ko-Komponist Lyle Mays. Hier liegt die musikalische Ausrichtung zwischen instrumentalem Pop, Jazz und Fusion, und die Verkaufszahlen und Publikumszahlen erreichen Popstar-Niveau. Welt-Tourneen von anderthalb Jahren Dauer sind die Norm. Neben seiner Arbeit mit der Pat Metheny Group, bei der der Gitarrist alle technischen Möglichkeiten inklusive Synthesizer und Synclavier nutzt, nimmt Metheny immer wieder auch in klassischer Triobesetzung (mit Bass & Drums) auf, schreibt Filmmusiken oder spielt moderne Werke ein, so z.B. Minimal Music des Komponisten Steve Reich: Sein 'Electric Counterpoint' beinhaltet 14 übereinander gelegte Gitarren- und Bass-Stimmen, die Pat Metheny eingespielt hat.

Die Kehrseite derselben Münze, wie Metheny es selbst formuliert, sind seine Lärmprojekte oder die Free-Jazz-Ausflüge mit Saxophonist Ornette Coleman, die sich der klangschönen Arbeit der PMG scheinbar kaum vereinbaren lassen. Die Metheny Soloplatte 'Zero Tolerance For Silence' (erschienen auf dem US-Rock-Label Geffen Records) hat aus dem gleichen Grund sicher den ein oder anderen Metheny-Fan erschreckt - hier kann man unbegleiteten, zerrenden, explosiven und ziemlich unverkäuflichen Gitarrenkrach pur erleben. Auf 'Sign Of 4' ist Metheny ebenfalls in ungewohnter Umgebung zu hören, und zwar mit dem englischen Avantgarde-Gitarristen Derek Bailey, begleitet von zwei Perkussionisten.

Für Pat Metheny sind diese beiden Seiten seiner musikalischen Persönlichkeit, die kaum entgegengesetzter sein können, überhaupt kein Widerspruch. Für ihn sind es zwei Gesichter, die zusammengehören. Vielleicht braucht der mehrfache Grammy-Preisträger aber auch den künstlerischen Kontrast zur (oft) Heile-Welt-Musik seiner Group.

In diesem Jahr war der Jazz-Gitarrist als prominenter Sideman des Michael Brecker Quartet auf Sommer-Tour. 2001 wird die Pat Metheny Group wieder in Klausur gehen, um nach 'Imaginary Day' (1997) eine Platte und eine Tour zelebrieren - und da wird dann wohl wieder der Popstar Pat im Vordergrund stehen. Hier Auszüge aus einem Interview mit Pat Metheny, entstanden während seiner Europa-Tour im Juli.


G&B Ich möchte mich nur auf deine aktuelle Trio-Platte '99→00' und die Tour mit Saxophonist Michael Brecker konzentrieren. Dein musikalisches Schaffen ist derart umfangreich, dass wir sonst noch übermorgen hier sitzen würden.

Metheny: Klar, hahaha!

G&B Du hast schon des Öfteren mit Michael Brecker zusammengearbeitet, in deinen eigenen Bands und auch in seiner. Was magst du an ihm?

Metheny: Stimmt, wir haben schon eine Menge Sachen zusammen gemacht. Das geht zurück bis in die 70er, als wir beide mit der Sängerin Joni Mitchell gespielt haben [Shadows & Light, 1979]. Die erste ernsthafte Zusammenarbeit passierte auf meiner Platte '80/81', was ein neuer Aspekt in Michaels Spiel und seiner Karriere war. Er spricht oft darüber, wie sehr diese Einspielung ein Wendepunkt für ihn war. Ein paar Jahre danach habe ich auf seiner ersten Platte unter eigenem Namen gespielt.

Seither gab es noch ein paar andere Alben, auf denen wir zusammen gespielt haben, wir verstehen uns musikalisch gut, und - was noch wichtiger ist - wir sind gute Freunde, was der Hauptgrund für diese Sommer-Tour ist. Da geht es nicht mal um eine Platte, die wir promoten wollen, die ist ja schon von letztem Jahr. Wir haben schon so lange darüber gesprochen, dass wir einmal eine Sommer-Tournee durch Europa machen wollen, was uns beiden Spaß macht. Jetzt ist es soweit.

Im Falle von Michael Brecker sprechen wir von einem der ganz großen (wörtlich: the heaviest) Instrumentalisten unserer Generation. Es gibt nur wenige Musiker, die eine solche harmonische Beherrschung auf ihrem Instrument haben wie er. Ich denke, er hat nachhaltig nicht nur alle Saxophonisten, sondern auch andere Musiker beeinflusst. Sein harmonisches Konzept ist einfach Standard. Das inspiriert jeden.

G&B Es gibt auch Leute, die behaupten, dass sie etwas von Michael Breckers Spiel in deinen Improvisationen hören können.

Metheny: Wir haben total unterschiedliche Herangehensweisen an die Musik. Genau das ist es, was bei uns beiden so gut ist. Ich glaube, dass es einige Gitarristen gibt, die den Brecker-Stil auf die Gitarre übertragen haben und sich einige seiner Licks angeeignet haben. Da haben sie sicher eine Menge Zeit investiert. Ich mache so was nicht. Meine Sache ist viel melodischer, ich spiele selten vertikal, mehr horizontal, in einer erzählenden Art und Weise. Warum das so gut zwischen uns beiden funktioniert, ist der unterschiedliche Ausgangspunkt. Wenn wir ein neues Stück anfangen, ist es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die Sachen sind, die bei den verschiedenen Approaches herauskommen. Auf der anderen Seite passen sie zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Ich höre mir sowieso lieber Musiker an, die eben nicht ähnlich klingen, und die gemeinsame Musik aus einem anderen Blickwinkel machen. Außerdem liegt es in der Natur der Instrumente, dass eine Gitarre andere Dinge spielt als ein Saxophon.

G&B Du erfüllst in Michael Breckers Band wie auch in deinem Gitarrentrio eine ganz andere Rolle als in der Pat Metheny Group, in der du den Melodien-Part übernimmst. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du, wenn ich dich mit der Pat Metheny Group gesehen habe, viel begleitet hättest.

Metheny: Das stimmt! in meiner regulären Band bin ich eher der Sänger oder so ähnlich. Alle anderen Sounds unterstützen die Melodie, die von der Gitarre gespielt wird. In dieser Situation ist es anders. Es ist eine sehr spezifische Rolle: Wir Begleiter von Michael sind ein Orgel-Gitarre-Schlagzeug-Trio. Das hat eine ganz eigene Tradition im Jazz. Da hat die Gitarre in der Tat ein paar sehr spezielle Tasks in der Begleitung zu erfüllen. Für mich ist das klasse, ich mache das gerne. Fast ist es sogar so, dass ich mich daran erinnern muss, auch mal wieder solo zu spielen. Ich genieße es so sehr, als Begleiter in dieser Band zu fungieren, dass ich das Solo-spielen beinahe vergessen könnte.

Meine Rolle in der Band ist es, Michael Brecker zu unterstützen, nicht nur als Begleiter, sondern auch als Solist. Ich denke, in dieser Konstellation sollte sein Saxophon dominieren und die Gitarre nur ein farbgebendes Element sein. So höre ich die Rollenverteilung in dieser Band. Das Trio ist total anders: Der Ansatz ist hier harmonisch sehr offen, da kein (weiteres) Akkordinstrument dabei ist. Mein persönliches Triospiel bis zurück zu meiner ersten Platte "Bright Size Life" ist immer sehr spezifisch gewesen. Ziemlich einzigartig, glaube ich, wenn ich mir andere Leute und ihren Approach anhöre.

Bei mir gibt es einen Aspekt, der mir der Art, wie Ornette [Coleman, Saxophonist und Vorreiter des Free Jazz] spielt, korrespondiert. Alles bildet sich um die Melodie herum, aber mein Unterschied liegt darin, dass ich über harmonisch festgelegte Formen spiele, nicht frei. Trotzdem möchte ich aber den Eindruck entstehen lassen, alles wäre frei. Das erfordert einen bestimmten Typ von Bassisten. Bei meinen vier Trioplatten haben die Bassisten immer diese besondere Rolle gehabt, Jaco auf 'Bright Size Life', Charlie Haden auf 'Rejoicing', Dave Holland auf 'Question & Answer' und jetzt Larry Grenadier. Alle diese vier Bassisten erlauben dir eine große harmonische Freiheit, gleichzeitig nehmen sie ihren Job wahr und sorgen für ein solides Fundament. Das hinterlässt den Eindruck von sehr offener Musik mit spezifischer Harmonik. Es gibt nicht viele Bassisten, die das machen können. Als ich Larry da erste Mal getroffen habe, vor 15 Jahren, da wusste ich schon, dass er genau der Typ ist, der das machen kann. Diese Fähigkeit hat sich durch eine Arbeit mit [Pianist] Brad Mehldau und [Saxophonist] Joe Henderson weiterentwickelt.

G&B Ich fand es sehr interessant, dass alle vier Trioaufnahmen von dir eine andere Rhythmusgruppe haben. Warum spielst du nicht auch mal mit Drummer Paul Wertico und Bassist Steve Rodby, die ja schon Ewigkeiten Mitglieder der Pat Metheny Group sind, eine Trioplatte ein?

Metheny: Hätte ich machen können, aber die Group ist eine fortlaufende Sache. Da ist das nächste Projekt schon in der Planung. Und wenn so ein Projekt anläuft, verlange ich so viel Zeit von meinen Gruppenmitgliedern. Bei jedem Projekt brauche ich zwei Jahre von jedem Musiker für Komponieren, Aufnehmen und Touren. Weil die Band schon so lange zusammen ist, habe ich das Gefühl, dass alle auch mal eine Zeit ohne den Rest der Band nötig haben, vielleicht, um eigene Projekte zu verfolgen oder auch nur, um einfach auszuspannen. In meinem Fall, wenn es eine Pause gibt, bin ich mit anderen Projekten auf Tour, im Studio etc. Das ist meine Natur, das macht mit Spaß.

G&B Interessant fand ich sowohl auf '99→00' wie auch auf 'Time Is Of The Essence' von Michael Brecker, dass man nicht durch Sounds von der Musik abgelenkt wird. Du verwendest nur einen fast schon klassischen Jazz-Gitarrenton.

Metheny: Ich mag beides, abhängig davon, was für eine Geschichte man erzählen will. Eine ästhetische Rolle oder eine bestimmte musikalische Umgebung erfordern verschiedene Sounds. Die Sache ist die: Je älter ich werde, desto mehr schätze ich die Einfachheit. Das habe ich auch bei anderen Musikern entdeckt. Eine Platte dreht sich um ein Thema. Die Trioplatte umfasst z.B. einen ganz bestimmten Bereich des Typus Gitarrentrio; es geht um harmonie- und formbezogenes Spielen. Wir werden aber auch noch eine Live-Platte dieses Trios herausbringen, auf der dann andere Seiten zu entdecken sind. Ich weiß von mir selbst als Hörer, dass ich sehr spezifische Platten mag. Wenn ich Balladen von John Coltrane hören möchte, bin ich sehr glücklich, dass es sein Album "Ballads" (1962) gibt, denn da ist alles drauf. Ich mag es sehr, wenn eine Platte ein abgestecktes Gebiet nicht verlässt. Auf der anderen Seite steht für mich das Groupthing, das Ausloten der Möglichkeiten, was fünf oder sechs Leute auf einer Bühne im Jahr 2000 mit allen technischen Finessen an Sound produzieren können. Da wird dann die Gitarre als strukturelles Instrument verwendet, so ähnlich wie das Keyboarder machen. Ich habe manchmal 10 oder 12 Gitarren, die ich im Laufe des Abends einsetze. Jede klingt anders, wie auch der Sound, der dann insgesamt entsteht - darum dreht sich die Pat Metheny Group. Das ist ein anderer Weg, die Gitarre zu betrachten.

G&B Aber als ich dich gerade beim Üben beobachtet habe, sah ich auch einige verschiedene Gitarren auf der Bühne.

Metheny: Ich bin noch am Ausprobieren, was heute Abend zum Einsatz kommt. Der Gig gestern war der allererste der Tour, ein Warmup-Gig. Ich muss noch herausfinden, welche Gitarre sich am besten mit der Orgel und mit Michaels Saxophon mischt. Aber trotzdem ist dieses Projekt von den Gitarren her sehr einfach gehalten.

G&B Du hast, außer den Eigenkompositionen, sehr ungewöhnliche Stücke auf deiner Trioplatte gespielt. Wayne Shorters "Capricorn" und der Standard "I've Got A Lot Of Livin' To Do" sind selten gespielt und John Coltranes Meilenstein "Giant Steps" übt jeder Jazz-Musiker, aber die meisten scheuen sich, es aufzunehmen. Von dir hätte ich "Giant Steps" nicht erwartet...

Metheny: Es ist ein unglaubliches Stück Musik, fast ein kleines Wunder. So wie die Akkorde aufgebaut sind, die Struktur ... ich habe jahrelang vermieden, dieses Stück zu spielen. Jeder hat es gespielt, das war total hip. Ich habe "Giant Steps" als Teenager gelernt, und ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, bis ich die Platte und die Tour mit [Saxophonist] Kenny Garrett gemacht habe. Da haben wir nur John Coltranes Musik gespielt, und Kenny ist ein Meister in diesen Dingen. In der Band haben wir es wie jeder andere gespielt: unglaublich schnell, so schnell man es gerade noch spielen kann. Das ist OK, finde ich auch cool, aber ich habe angefangen über das Stück und die Schönheit, die darin steckt, nachzudenken. Ehrlich, die Fassung auf der Trioplatte, die haben wir nie vorher gespielt. Wir waren gerade zwischen zwei Stücken, und just for fun meinte ich: "Kommt, lasst uns mal 'Giant Steps' langsam spielen!" Das war ein Take, und dieses Feeling war nötig. Deshalb ist es auf der Platte gelandet. Es sollte kein Statement sein, überhaupt keine große Sache. Die Fassung ist schon sehr anders, als es normalerweise gespielt wird, aber es ist ein Zeugnis, wie sich das Trio im letzten Sommer entwickelt hat.

G&B Du hast in der letzten Zeit auch noch in kleineren Bands als dem Trio gespielt. Ich denke da an deine Zusammenarbeit mit Bassisten Charlie Haden oder die Duoplatte mit Gitarrist Jim Hall. Zwei Gitarren stelle ich mir als ziemlich knifflig vor ...

Metheny: Stimmt, das ist eine Herausforderung. Einer der Gründe, warum weder Jim noch ich je eine Duoplatte mit einem weiteren Gitarristen aufgenommen haben: Es kann schnell langweilig werden. Deswegen war ein Hauptaugenmerk von Jim und mir die Vielseitigkeit. Wir haben unser Bestes gegeben.

G&B Von wem ging denn die Initiative zu dieser Zusammenarbeit aus?

Metheny: Wir sprechen seit 15 Jahren darüber. Ich kenne Jim, seit ich ein Teenager bin. Seit ich Platten aufnehme, haben wir ein paar Konzerte und eine kleine Tour in den 80ern zusammen gemacht. Seine Plattenfirma wollte es haben. Und ich hatte eine Menge Spaß bei den Aufnahmen. Jim Hall ist phantastisch.

G&B Jim Hall war einer deiner Lehrer?

Metheny: Eigentlich ja, obwohl wir uns nie in einer Unterrichtsstunde zusammengesetzt haben. Aber ich nenne ihn meinen Hauptlehrer.

Meine Duoplatte mit Charlie Haden ist eine andere tolle Sache. Wir haben schon so oft in verschiedenen Situationen zusammen gespielt, wir haben immer schon ein spezielles "hook up" gehabt. Wir sind die besten Freunde, wir sprechen uns beinahe jeden Tag seit der Zeit, als Charlie noch in der Band von Keith Jarrett spielte. Auch über diese Duoplatte hatten wir schon Jahre gesprochen, bevor es endlich soweit war. Das Überraschende war, dass es ein Verkaufsschlager wurde. 'Beyond The Missouri Sky' [1977] ist eine meiner Platten, die sich am besten verkauft und mit Abstand Charlies meistverkaufteste Platte. Bis heute verkaufen wir jeden Monat tausende von Platten ... offensichtlich hat diese Musik viele Menschen berührt, die keine Musiker sind. Charlie und ich haben lustigerweise bisher nie Duokonzerte gespielt, erst vor ein paar Tagen fanden die ersten statt, und das war sehr interessant. Hauptsächlich sind es Balladen. Ich habe mich gefragt, wieso das Publikum ein ganzes Konzert mit Balladen mag, aber es war sehr kraftvoll. Ich habe mich wie in einer Zeitlupenwelt gefühlt, wo die geringste Bewegung eine unglaubliche Bedeutung hat.

G&B Wie sieht es mit den Plänen für die Pat Metheny Group aus? Die Band gibt es ja beinahe so lange wie die Rolling Stones ...

Metheny: Hahaha, stimmt! Da kommen wir noch hin! Weitergehen ist der Plan, wir haben noch so viel zu sagen.

G&B Ich habe in den letzten Jahren einige Konzerte gehört, und fand 'The Roots Of Coincidence' eines der besten Stücke, obwohl es durch die House-Grooves und die verzerrte Gitarre total aus dem restlichen Programm herausfiel.

Metheny: Das ist das Tolle an der Band. Wir können machen, was wir wollen. Es geht nicht um einen Musikstil, sondern vielmehr um eine Denkweise oder den Daseinszustand in der Zeit, in der wir leben. Das ist das Einzige, was in der Band konstant ist, dass wir all unsere Energie darauf verwenden, Sounds zu finden, die in dem Moment eine Bedeutung für uns haben. Das wird weitergehen. Eine Musikrichtung zu nennen, wohin es mit der nächsten Platte gehen wird, kann ich nicht. Ich denke, es wird harmonisch sehr dicht sein. 'The Roots Of Coincidence' war eine Art Durchbruch für uns, weil es uns gezeigt hat, dass wir alles machen können und uns alles zu eigen machen können. Von da aus können wir starten. So sehr ich auch Teile der heutigen Popmusik mag, an der sich 'Roots Of Coincidence' orientiert, muss ich doch sagen, dass sich da niemand mit den Harmonien Mühe gibt. Das ist ein Gebiet, an dem wir sehr interessiert sind. Komplexe Harmonien und Pop auf eine vergeistigte Art und Weise verbinden, das ist unsere Richtung.

G&B Viele Leute sind traurig über die Entwicklungen im Jazz. Entweder gibt es Smooth Jazz oder Avantgarde, aber nichts dazwischen ...

Metheny: Stimmt, aber es gibt Wege! Der Grund, warum so wenig dazwischen ist, liegt auf der Hand: Dieser Weg ist schwer! Außerdem musst du musikalisch total fortgeschritten sein, um damit umzugehen. Lustig, dass du ausgerechnet Avantgarde und Smooth Jazz genannt hast, weil ich beides oft mache. Beides sind Lifestyle-Musiken. Avantgarde ist für mich ebenso Lifestyle wie der Yuppie-Style. Es ist interessant und hip, aber oft zu sehr an diesen Lifestyle geknüpft. Light R&B ist dasselbe, da identifizierst du dich auch mit einem speziellen Teil der Kultur. Daran habe ich kein Interesse - not in any of that shit! Hahaha! Ich möchte nur Sounds finden, die ich mag. In jedem Teil der Welt gibt es diese musikalischen Verallgemeinerungen, die irgendwo nicht fair sind. Für meinen Teil ist es nur "Sound". Außerdem sollte es die Entwicklung der Musik weiterbringen. Aber man muss dafür eine Menge wissen. Man muss die harmonischen Zusammenhänge der letzten Jahrzehnte kennen, die Harmonien des BeBop ... Das machen nur wenige Leute. Und die, die es machen, beschränken sich, sobald sie einen Musikstil total kapiert haben, nur auf diesen einen Stil und wollen mit dem Rest nichts zu tun haben. Wenn Leute 'Giant Steps' spielen können, bleiben sie schnell hängen und haben ihren Spaß dran. Klar macht das Spaß, mir ja auch, aber es ist zu einfach, da zu stoppen. Mein Punkt ist: Let's keep going!! Es muss immer weiter gehen! Da ist ein sehr ruheloser Teil in mir, der mich immer auf Trab hält. Und weiter geht's! Ich glaube, so langsam sollte ich auch wieder weiter üben ...

G&B Letzte Frage - kennst du die 'Jazz-Punk'-Platte von Gitarrist David Fiuczynski? Was hälst du von seiner Drum & Bass-Fassung deines Klassikers ‚Bright Size Life'?

Metheny: Oh, ich liebe die Platte, und seine Fassung ist total klasse!!! Er spielt das Stück sehr akkurat und hat die Komposition mit allen Details verstanden, was die meisten, die meine Stücke spielen, nicht haben - was mich stört. Ich hoffe, das wird mit dem Songbook, das jetzt herausgekommen ist, etwas besser. Die Details meiner Kompositionen sind sehr spezifisch. Fuze [Fiuczynski] hat alle Details erfasst und macht trotzdem etwas komplett Eigenes aus dem Stück. Einfach klasse.

G&B Und wie sieht's mit deinem Equipment aus?

Metheny: Who cares? Sind doch nur ein paar Holzstücke mit Saiten drauf, hahaha!


W H O C A R E S ?

Wir wissen nun also, dass Pat Metheny kein Equipment-Fetischist ist. Trotzdem hier eine aktuelle Auflistung dessen, was dieser Musiker an Instrumenten & technischen Geräten mit sich durch die Welt transportiert:

Gitarren
Ibanez PM100 Signature, Jazz-Gitarre
Ibanez PM50 Signature, Jazz-Gitarre
Roland GR-Series, Synthesiter-Gitarren
Manzer 12 String, Akustikgitarre
Manzer Fretless 12 String, Nylon Acoustic
Manzer Fretless, Nylon Acoustic
Wechter Classical, Konzertgitarre

Verstärker
DigiTech GSP2101, Preamp
Ashley Stereo MOS FET, Endstufe
Crest 6001, Endstufe
Acoustic 134, Gitarren-Top
Acoustic 403, Speaker Cabinet
Oaks Audio 2x8" Speaker Cabinet
Clarc Bros 2x12" Monitorboxen

Effekte
Roland GR-300 Synthesizer
Custom made A/B/C-Wahlschalter
DigiTech Control One, Foot Controller
Boss FV100 & 200, Volumen-Pedale
Pro Co Quad DB-4, Direct Box
Countryman Direct Box
Whirlwind Direct Box
Boss DI-1, Direct Box
Juice Goose RP100, Power Filter
E-Bow, Sustainer
Korg Sustain Pedal
Lexicon LXP 1 & 5, Reverb Units
Lexicon Prime Time II, Delay
Shure UC4, Wireless System
Nady 650 & GT-1, Wireless Systeme
Alesis Datadisk MIDI Player
Peterson 420 Strobe Tuner, Stimmgerät

Discografie
Bright Size Life [1976, ECM]
Watercolors [1977, ECM]
Pat Metheny Group [1978, ECM]
New Chautauqua [1979, ECM]
American Garage [1980, ECM]
80/81 [1980, ECM]
As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls [1981, ECM]
Offramp [1982, ECM]
Travels [1983, ECM]
Rejoicing [1983, ECM]
First Circle [1984, ECM]
The Falcon And The Snowman [1985, Capitol]
Song X [1986, Geffen]
Still Life (Talking) [1987, Geffen]
Letter From Home [1989, Geffen]
Question & Answer [1990, Geffen]
Secret Story [1992, Geffen]
The Road To You [1993, Geffen]
Zero Tolerance For Silence [1994, Geffen]
I Can See Your Your House From Here [1994, Blue Note]
We Live Here [1995, Geffen]
Quartet [1996, Geffen]
Passaggio Per Il Paradiso [1997]
Beyond The Missouri Sky [1997, Verve]
Imaginary Day [1997, Warner]
Sign Of 4 [1997, Knitting Factory]
Like Minds [1999, Concord Jazz]
Jim Hall And Pat Metheny [1999, Telarc]
A Map Of The World [1999, Warner]
Pat Metheny Trio 99→00 [2000, Warner]

Als Gast war Pat Metheny auf Platten von Joni Mitchell, Michael Brecker, Charlie Haden, Bill Frisell, Mark Johnson, Kenny Garrett, Joshua Redman, Dave Liebman, Gary Burton, Paul Bley u.v.a. zu hören.

Notenmaterial: Ultimative Quelle ist das Pat Metheny Songbook, mit 167 Kompositionen von 1975 bis heute [Hal Leonard Press]

Video: More Travels [Geffen]

Website: Unter http://www.patmethenygroup.com findet man eine sehr informative Webpage mit großem Frage/Antwort-Bereich. Metheny selbst antwortet hier ausführlich auf Fragen, die in verschiedene Kategorien gegliedert sind. Hier finden sich die merkwürdigsten Fan-Fragen, bis hin zu einem Heiratsantrag.


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: October 7, 2001