Naughty By Naura #8
Jazz im Wellness-TV

"Gehe ruhig & gelassen durch Lärm und Hast & sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. Stehe, so weit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere deine Wahrheit ruhig & klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen & Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte" (Anonymer Text)

   "Ich mag Frauen, die keiner mehr haben will." Ein Satz aus der Feder meines Freundes Wolf Wondraschek. Wie meinet er das? Meint er Frauen, geschlagen mit Aussatz oder Blödheit? Meint er Abonnentinnen von BILD? Denkt er an CDU-Wählerinnen? Andererseits: Muss man Frauen mögen, die alle haben wollen? Julia Roberts mit ihren zum Zutzeln einladenden Titten? Iris Berben mit ihren filigran schielenden Äuglein? Veronica Ferres mit ihrem ozeanisch wogenden Fleisch? Lassen wir das! Ich mag Musik, die keiner mehr haben will. Jedenfalls im Deutschen Fernsehen. Ich rede vom Jazz im Deutschen Wellness-TV (DWTV). Dieser Sender ist ein Synonym für Pestbeulen-Glotze. Hoch infektiös. Kaum heilbar. Eigentlich ein Nervengift, das im nächsten Weltkrieg als Waffe eingesetzt werden wird. Man stelle sich vor: In Sichtweite der feindlichen Linien wird ein gigantischer Bildschirm aufgebaut. Dann eine DWTV-Sendung mit deutschen Krüppel-Schlagern abgefahren. Ich sage euch, die feindlichen Truppen sind augenblicklich und in die Hosen schmutzend außer Gefecht gesetzt. Früher musste man viel Nervengas gegen die Gegner pusten. Da ist doch die Sache mit "Death by Shit Music" viel humaner. Habt keine Angst, liebe Leser, verehrungswürdige Leserinnen! Trost kommt von Wondraschek. Der Dichter spricht philosophisch und unabwendbar: "Nichts denken und weiterleben wie die Tiere, die ausgestorben sind. Am Ende wird ein Haufen zusammengekehrter Marienkäferchen im Zimmer liegen, die sich an uns satt essen."

   Apropos Essen. Ach, sagen wir's doch gleich: Fressen. Man kann nicht nur Menschen und Hunde zum Fressen gern haben, sondern auch Musik. Meine allerliebste Klangspeise heißt J. S. Bach. Mein wirksamstes Abführmittel ist Wagner. Und jetzt sind wir bei der Verdauung. Einmal führte ich ein Journalisten-Ehepaar, das in London lebt, zum Essen aus. Das war in Husum, wo die Möwen rückwärts fliegen und Sprüche wie dieser an den Häuserwänden prangen: "Ihr habt die Macht, aber uns gehört die Nacht." Wir gingen also auf das Keller-Lokal zu. Dabei passierten wir ein gammeliges Trio, das in einer Alkohol-Wolke vor dem Lokal lag. Einer der Penner spielte auf seiner Klampfe ganz beschissen "Blowin' In The Wind". Dann nahmen wir an einem der blütenweiß gedeckten Tische Platz. Wenig später seufzte unsere Gast-Dame dankbar: "Ach, unser schönes Deutschland." In diesem Augenblick erhob sich draußen einer der Verfilzten und pisste gegen ein Fenster unserer Gaststätte. Und während der Urin die Scheibe runterschlierte, dachte ich: "Deutschland, du unberechenbare Sau." Dann legte der Wirt Musik auf. Es war James Last und der Abend war gelaufen.

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 39, Seite 30