Naughty By Naura #6
Nieder mit den Friedhöfen!

Nieder mit den Friedhöfen! Weg damit! Macht Kinder-Spielplätze aus ihnen! Seit BSE brauchen wir jede Leiche. Besser gesagt: ihre Asche. Hörst du, Harry Rowohlt? Auch die "Asche meiner Mutter"! Ashes to ashes, dust to dust. Wir haben die Tiere gezwungen, sich dem Kannibalismus hinzugeben. Kühe fraßen Kühe. Jetzt ist es Zeit für: Menschen fressen Menschen. Natürlich auf zivilisierte Art und Weise. Ein Beispiel: Man nehme einen toten Jazzmusiker, sagen wir: Miles Davis, und verbrenne ihn unter sehr hohen Temperaturen, bis er zu ganz feiner Asche zerfallen ist. Dieses wunderbare Produkt kann auf verschiedene Weise verwertet werden. Die Asche von Miles kann etwa der Gewürz-Industrie zugeführt werden, auf dass dem Pfeffer eine pikante, sehr exklusive Note verliehen werde. Denkbar ist auch eine Zusammenarbeit mit den Herstellern edler Silber-Geräte. Feinste Silber-Pfefferstreuer im Erotic Design könnten entstehen für den gehobenen Bedarf. Für die gebildeten Kreise. Tiffany sollte dieses atemberaubende Produkt vertreiben. Oder nehmen wir die Asche von Albert Mangelsdorff, nachdem seine Zeit gekommen ist. Alberts Asche könnte der Keramik-Wirtschaft einen entscheidenden Schub versetzen. Edle Aschenbecher aus gebranntem Ton, dem eine Prise des Posaunisten beigemischt ist, wäre in limitierter Auflage schnell ein MUST auf dem Sammler-Markt.

Und jetzt betreten wir die Abteilung Raritäten. Louis Armstrong starb am 6. Juli 1971. Es ist anzunehmen, dass seine sterblichen Überreste heute nur noch eine Hand voll Staub ergeben. Er ist der heilige Staub eines Pharaos des Jazz. Wie könnte man diesen Göttlichen würdigen? Mein Vorschlag: Der Juwelier der englischen Königin fertigt ein feines Geschmeide aus Gold an, in dessen Mittelpunkt hinter Kristall-Glas einige Partikel der Armstrong-Asche ruhen. Einer Gravur entnehmen wir diese Worte: "Der König des Jazz flog auf zum Himmel, wo er nun vereinigt ist mit der Sonnenscheibe. Er ist nun verbunden mit dem, der ihn geschaffen hat."

Ein vorletzter Gedanke. Steigt Rauch nicht nach oben? Zu den Göttern? So ist es! Ich schlage eine kostbare Tabak-Edition vor. Auf einer Ebenholz-Dose lesen wir: "S A N C T U S is a delicate blend of first-class tobaccos, which is topped by a touch of the ahses of the late Billie Holiday." Und wie wäre es mit einer Hautcreme, der (lang soll er leben!) eines fernen Tages kostbare Partikel der Asche des göttlichen Jarrett beigegeben wurden? Das extravagante Produkt mit dem Namen "Feel Me" sollte in einer antiken China-Dose aus Porzellan lagern, aus der leise "Somewhere Over The Rainbow" rieselt. Die Creme ist so kostbar, dass sie nur an den Hochadel abgegeben wird.

Schließlich, Freunde, sollte man unsere Asche mit der Mundpflege in Verbindung bringen. Also rein mit der Menschenasche in die Zahnpasta. Wir wollen doch alle gegen Parodontose und Karies vorbeugen. Wollen wir nicht alle so ein strahlendes Gebiß wie Cab Calloway? Yes, das wollen wir! Da ist nur ein Haken. Zähneputzen hat auch etwas mit Schmecken zu tun. Und Asche ist nicht gleich Asche. Die Asche von Cathérine Deneuve würde ich mir gern auf der Zunge zergehen lassen. Aber die fettige Asche der Wildecker Herzbuben? Dann doch lieber Löcher in den Zähnen.

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 37, Seite 18