Naughty By Naura #5
ICH WAR BENS MUTTI

Einmal, es ist schon lange her, da war ich Ben Websters Mutti. Wir hatten eine Fernseh-Produktion mit ihm in Hannover. Und meine Aufgabe als Producer war es, auch darauf zu achten, dass der Meister, dieser unnachahmliche Melancholiker auf dem Saxofon, nicht allzu viel säuft. Michel de Montaigne lehrt uns: "An den Handlungen der Irren erkennen wir, wie eng der Wahnsinn mit den schöpferischen Verrichtungen unserer Seele einhergeht. Wer wüsste nicht, wie unmerklich die Grenze zwischen geistiger Umnachtung und den lichten Höhenflügen eines freien Geistes, den Werken einer vollendeten Tugend ist! Platon sagt, die Melancholiker seien an Bildungsfähigkeit die Überragendsten; aber niemand neigt auch so zum Wahnsinn wie sie."

Also gut, ich sollte Bens Wahnsinn überwachen. Ich war Ben Websters Schnaps-Polizist. Komisch daran war nur, dass ich selbst gelegentlich einen Ordnungshüter brauchte. Jedenfalls, einem Ben Webster nimmt man nicht die Flasche weg. Und so entschloss ich mich, mit ihm halbe-halbe zu machen. Ich soff ihm die Hälfte seines Gins weg. Wir hatten eine gute Zeit. Leber geschädigt, Konzert gerettet. Übrigens, wir Drogisten sind in bester Gesellschaft. In seinem Gedicht "Einen zweiten Weg ums Gehirn rum" schreibt Rühmkorf über berühmte Entrückungs-Spezialisten:

    Aber mit'm Tropfen Malteser trinken Sie doch niemandem etwas weg.
Wissen Sie, in solchen Zuständen hat Alexander mal
den Euphrat überschritten.
Vollkomman im Kleister.
Von Goethe ganz zu schweigen.
Der hat sich drei Fläschchen Mosel täglich genehmigt;
fast mehr als er gedichtet hat.

Ich schlage vor, dass wir jetzt dem aktuellen Elend ins Auge blicken. Heute ist es doch so, dass der Mensch einige Drinks braucht, bevor er es wagt, eine Tageszeitung aufzuschlagen. Vor ein paar Tagen las ich, dass inzwischen auf deutschen Straßen der Schrei "Ausländer verrecke" zu hören sei. Um ein Haar hätte ich mich in mein Glas übergeben. Tut mir Leid, Leute, eigentlich müsste unsere ganze Nation unterm Tisch liegen. Vor Scham. Da fällt mir der Maler Max Liebermann ein. Der hat angesichts der Nazis gesagt: "Ich kann jarnich so ville fressen, wie ich kotzen mechte."

Im irren Tanz der Künste halten die Jazz-Musiker den Drogen-Rekord. Aber die Zahl der Stimulanzien-Fürsten der anderen Lager ist beachtlich: E.T.A. Hoffmann, Zuckmayer, Ringelnatz, Hemingway, Joyce, Faulkner . . . Der Mensch besteht mindestens zur Hälfte aus Angst. Gottfried Benn hat das beschrieben:

    O Nacht! Ich nahm schon Kokain,
und Blutverteilung ist im Gange,
das Haar wird grau, die Jahre fliehn,
ich muss, ich muss im Überschwange
noch einmal vorm Vergängnis blühn.

Der Dichter Klaus Mann hat die Droge einen "holden, schaurigen Umweg zum Tod" genannt. So ist es! Vor Jahren bot mir ein berühmter Jazz-Kollege sein Pfeifchen an, gestopft mit schwarzem Afghanen, der wie Affen-Scheiße aussah und von dem ich nicht wusste, dass er selbst bayerische Brauerei-Pferde von ihren stämmigen Beinen reißt und sie in einen Zustand völliger Anästhesie versetzt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und erblickte die besorgten Gesichter meiner Freunde, die sich über mich beugten. Nach dieser Reise ins Nichts frage ich mich noch heute: Wie konnte mein Big Spender unter dieser Haschisch-Narkose seinem Instrument überhaupt einen Ton entlocken? Aber dann fiel mir ein: Mensch, der Kollege ist ja mal während eines Konzerts von der Bühne gesegelt. Like a stoned stone. Bautz! General-Pause! Stille! Die Lehre daraus? We better stop these foolish things!

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 36, Seite 30