Naughty By Naura #4
Über Kannibalismus, Ellington und Jazz-Restlichtverstärker

Kürzlich hatte ich einen wüsten Traum. Ich träumte, ich hätte an einer Anthropophagie, an einem festlichen Menschen-Essen teilgenommen. Ich war Gast der Batata. Das ist ein Stamm, der auf einem äußerst unzugänglichen Hochland von Borneo lebt, durch dessen Wälder ständig Wolken ziehen. Die Batata sind kleinwüchsig und von ernstem Gesichtsausdruck. Lächeln und Grinsen sind tabuisiert. Auf der Jagd singen sie komplexe Sounds, die Stockhausen erbleichen lassen würden. Sie beten ihren Kot an, dem sie prächtige Laub-Paläste widmen. Diese Miniatur-Menschen wollten mich also bewirten.

Niemand kann meine Fassungslosigkeit beschreiben, als ich sah, daß sie sich anschickten, einen Menschen zu zerlegen. Getreu ihrem jahrtausendealten Motto: "Kommet zu uns, die ihr mühselig und beladen seid, wir wollen euch zerstückeln und den Göttern opfern." Ich rieb mir die Augen beim Anblick eines Weißen, den sie aufschlitzten, um ihm die Därme zu entfernen. Dieser Weiße war kein anderer als Gotthilf Fischer, wohlbekannt aus unseren Entmündigungsmedien, die täglich und massenhaft Dreck emittieren. Und wahrhaftig, Fischer, Erfinder der Arteriosklerose-Folklore, Teilnehmer an der Berliner Love-Parade (mit seinem Projekt "Am Brunnen vor dem Tore, da riecht ein Techno-Kraut"), Träger des Heiligen Ordens Der Swingabstinenz Für Alle Ewigkeit, lag vor mir wie ein Rollbraten. Ich sah sein zickiges Fleisch, seine superben Filetstücke. Ich versuchte zu protestieren. Doch die Batata belehrten mich mit folgenden Worten: "Ihr esst Tiere von viel niedrigerer Ordnung, während wir den Menschen essen, der doch das Höchste von allem ist. Ihr seid heruntergekommen, nicht wir!"

Die Batata gaben mir ein Gebräu zu trinken, das meine Bedenken hinwegfegte und mir im Gegenteil das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Und dann begannen wir Gotthilf Fischer zu verzehren. Meine Freunde hatten den Künstler in köstliche Speisen verwandelt: Yassa, zweimal gebratenes Wadenfleisch/Rippen mit Augen und Kürbis/Makande aus Hirn, Vogelspinnen und Paradiesvogel-Scheiße/Tatale vom Bizeps-Filet nebst frittierten Tausendfüßlern/Süße-scharfe Sülze aus Kopf und Füßen/Salat aus Nase, Lippen und Fingerspitzen/Geräucherte Zunge.

Die Batata kamen in Fahrt. Schon sah man Paare in den Bäumen kopulieren. Da erhob sich der Häuptling und sprach zu mir: "Fremder Freund! In kurzer Zeit bist du uns ans Herz gewachsen. Deshalb möchten wir dir eine Ehre zuteil werden lassen, indem wir dich mit der Würde eines Häuptlings auszeichnen. Dazu gehört, dass wir dich morgen in einem heiligen Ritual als Suppe zu uns nehmen." In diesem Augenblick erwachte ich mit einem grellen Schrei. Ich spürte, wie meine Frau Christina mich an den Schultern rüttelte. Nachdem ich mich beruhigt hatte, gab sie mir das Hamburger Abendblatt zu lesen. Da stand was über unseren trefflichen Jazz-Restlichtverstärker Till Brönner. Also sprach der Trompeter: "Mainstream-Jazz ist genauso gefährdet wie die Avantgarde. Wir sitzen eben nicht mehr im Hemd auf der Bühne, wo uns egal sein kann, ob wir 20 oder 2000 Platten verkaufen. Im Popsektor gibt es ein paar ganz

"Es ist besser, in einem warmen Freund als in der kalten Erde begraben zu liegen."
Redensart der Ucayali, Südamerika

einfache Regeln. Wer die nicht beachtet, hat keinen Erfolg. Für uns gibt es auch nichts, wogegen wir noch protestieren können. Es ist alles schon mal dagewesen, vom Kettensägenmassaker bis hin zu 120 Leuten, die auf der Bühne sitzen, nichts machen und das als Musik verkaufen."

Ja, ja, Begabter, aber gibt es nicht einen Unterschied zwischen Musik (die diesen Namen verdient) und Armani? Ich habe zwei Vorschläge für Sie, Mister B. 1.) Eine liebevolle Hand möge auf Ihr Ruhekissen diesen Aufruf von Peter Rühmkorf sticken: WIDERSTEHT, IM SIEGEN UNGEÜBTE! Und 2.) Bevor Sie einschlafen, sollten Sie Duke Ellington bedenken. Der Meister hat prophezeit: "Geld und Kunst haben nichts miteinander zu tun. Die Musik wird uns geblieben sein, wenn es schon lange kein Geld mehr gibt. Nachdem die Menschheit sich selber zerstört haben wird, sehe ich über die Erdoberfläche zerstreut Berge von Geld durch die Luft flattern und im Meer versinken. Die Tiere und Fische, die damit nichts anfangen können, stoßen es beiseite oder lassen ihren Kot darauf fallen. Geld und Gestank, der Gestank von Kot, der Gestank von Geld, so faulig, daß die Winde sich zusammentun, um den Blumen etwas frische Luft zu verschaffen, und die das Meer aufwühlen und über die Oberfläche der Erde fegen. Dann ergrünen wieder Laub und Gras, und Meer, Winde und Tiere singen die alte süße Melodie der Natur. Doch da Sie zur Spezies der Menschen zählen, werden Sie leider nicht da sein, um das zu erleben."

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 35, Seite 9