Naughty By Naura #3
KONVENTION UND JAZZ

"Hässlich ist das Konventionelle." Welch ein wunderbarer Satz! Geht mir runter wie Himbeer-Bowle. Er stammt von der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau (72), dieser Göttin. Erinnern Sie sich noch? Sie spielte die intrigante Marquise de Valmont in Roger Vadims "Gefährliche Liebschaften". Madame Moreau: "Hässlich ist das Spießige, Kleingeistige... Ich bin ein Tier. Wenn ich drehe, fühle ich mich wirklich wie ein Tier. Dann denke ich nichts. Das ist wie im Alltag, beim Putzen oder Spülen, da fallen die Gedanken einfach ab."

Ist das nicht ein großartiger Standpunkt? Die Birne ist abgeschaltet, das Unterbewusstsein schaltet und waltet. Und was kann dieser große, bunte, schmutzige, riechende Jazz von der Moreau lernen? Jetzt passt auf, ihr Hirnhunde an den Instrumenten! Bedenkt zuerst einen Satz von Dashiell Hammett. Er lautet: "...mit Einbruch der Dunkelheit schüttelte sein Hirn die Benommenheit ab und wurde empfindlich bis zur Schmerzgrenze." Jetzt zur Moreau-Moral des Jazz! Scheißt es wieder aus, womit man euch vollgestopft und voll verwendungsfähig gemacht hat: diese stinkenden Noten-Pommes, diese fettigen Theorie-Soßen. Es sei denn, ihr wollt in irgendwelchen Orchestergräben sitzen - karajanesk! - und bei lebendigem Leibe verfaulen! Weg mit den zickigen Saxofon-Schulen! Denkt daran: Jazz ist eine Spiegelung eures Ichs. Und das ist kostbar. Ihr Hinfälligen vom Oldtime-Durchpausejatz, die ihr unaufhörlich die heiligen Gräber von King Oliver, Louis Armstrong und Duke Ellington durchsiebt auf der Suche nach Erlösung. Ihr versucht eure entsetzliche Leere mit den Knochensplittern der großen Vorfahren zu füllen, aber an den Achttausendern sind schon manche erfroren. Ihr Klarinette spielenden Zahnärzte. Ihr am Beat vorbeitrommelnden Versicherungshauptabteilungsleiter. Geht in die Politik! Dort werden Blendwerker gebraucht. Wer aber drauf pfeift, eines Tages Ministerpräsident zu werden (Spendensammeln eingeschlossen), der lese Zeilen meines Bruders im Geiste, Peter Rühmkorf:

    Lieber nachts nochmal raus,
um der Wirklichkeit schluckweise näherzukommen.
Eine qualmende Müllschütte im Mai
kann zum Beispiel schon eine ausgesuchte Erhebung sein,
ein Leuchtschlitz überm Rock
ein Grund sich zu verlieren -
Nichtsolaut! die Stunde der Wahrheit naht,
wo wir uns selbst etwas vormachen...
Einen Arsch im Anflug wie ein aufgeschlagenes Buch betrachten.
So ein Tal nochmal nachempfinden...
Einem Schritt einfach-so-Folge-leisten, ja?
die Drehtür durch,
den Flur lang,
Treppe runter,
m i t t e n   r e i n   i n   d i e   M u s i k !
Aber nicht jetzt den Beat mitklopfen;
von einer gewissen übergeordneten Warte aus
ist auch Rhythmus nur ne Verkrampfung.
Naja und dasdann - wollnwirmal - in einen losen Faden Hanf
l a n g s a m   - verwickeln lassen sich -

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 34, Seite 11