Naughty By Naura #2
MUSIC AND ALL THAT SEX

Als das Genie Keith Jarrett in seinen besten Zeiten sich ächzend und improvisierend über den Flügel hermachte, da hörte es sich so an, als würde er Flüssigkeit verlieren. Da wurde es so mancher Dame warm ums... naja, lassen wir das. Wer hätte nicht am eigenen Leib erlebt, dass Musik ein gewlatiges Aphrodisiakum sein kann, das sozusagen Leichen zu einer Erektion verhilft. Ich habe selbst gesehen, wie Jarrett beim Soundcheck dem Flügel auf eine seiner Rundungen klopfte. Dabei murmelte er: "He, wach auf." Auf mich wirkte das wie die Verwandlung des Instruments in einen Geschlechtspartner. Die Kunst der Improvisation führt uns direkt ins Land der Erotik, der Hormone, um nicht zu sagen, ins Land der ejakulierten Sounds. Ich kenne ein Foto von Peter Brötzmann, das ihn in full speed bei einem Konzert in Abidjan, Elfenbeinküste, zeigt. Wahrscheinlich ein schweißtreibender Ort. Man sieht unseren Peter, wie er sich langsam in Salzlake auflöst. Er spielt und es rinnt. Sein Gesicht: eine Landschaft des Schreckens. So sehen Gebärende aus. Oder der einsame Wichser im Starkstrom des Orgasmus.

Long ago and far away. Ich war unterwegs in New York im Village. Plötzlich, vor einem dieser elegenten Fresstempel, da! Dieser Piano-Sound! Das is doch... Ich rein und wen seh' ich? Teddy Wilson am Klavier. Traurig, grauhaarig, dunkler Anzug, Blue Moon. Kein Schwein hört ihm zu. Alle sind mittem im Augen-Fick. Die mondänen Magermiezen mit den dazu passenden Deckhengsten. Musik als quanitité négliable.

Musik kann aber auch in Mord und Totschlag enden. Das beschreibt Tostoi in seiner Erzählung "Die Kreutzersonate". Das Thema: Geiger fickt Ehefrau. Der Gehörnte greint: "...und als Band zwischen ihnen die Musik, das raffienierteste sinnliche Lock- und Reizmittel. Was konnte ihn zurückhalten? Nichts! Im Gegenteil, alles musste ihn locken. Sie? Was war sie denn? Sie war mir immer ein Rätsel gewesen und war es heute noch. Ich kannte sie nicht. Ich kannte nur das Tier in ihr. Ein Tier aber kann und darf durch nichts zurückgehalten werden. Jetzt erst entsann ich mich ihrer Gesichter an jenem Abend, als sie nach der Kreutzersonate ein leidenschaftliches Stück spielten, ich weiß nicht mehr von wem, ein bis zur Geilheit sinnliches Stück." Tolstoi läßt viel Blut fließen. Ich bevorzuge Sperma. Über unsere erotisierende Konzerte anno dazumal in Lübeck hab' ich mal geschrieben: "Ach Gott, das fröhliche Fleisch der schönen Mädchen von Lübeck, ihr 'andachtsfackelchen', ihr 'quell der fröhlichkeit, der zungen honigseim, des hertzens marcipan', welch Trost wart ihr uns in diesen Nächten."

Und jetzt kommen wir endlich zu Diana Krall, vortreffliche Pianistin und Sängerin. Am liebsten würde ich bei dieser Lady unterm Flügel Platz nehmen. Wegen des Sounds und wegen des Anblicks. Ich flehe: Herr, lass mich ihr Pedal sein! Und während das Schwarze des Flügels sich über mir wie ein Baobab-Baum wölbt, liege ich, inzwischen zu einem Leoparden mit peitschendem Schweif verzaubert, der Pianistin zu Füßen und starre mit funkelnden Augen auf ihre magischen Beine.

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 33, Seite 13