Naughty By Naura #1
RUHE SANFT, JAZZ

Dies ist eine Grabrede. In tiefer Trauer gebe ich bekannt, dass der Jazz im Sterben liegt. Ein wüster Virus hat ihn aufs Totenlager geworfen. Eine unheilbare Krankheit. Doch davon später. Jetzt nur so viel: Sie heißt "Globalisierung". Was diese Pest (einige halten sie für ein Naturgesetz) bewirkt, hat vor etwa 30 Jahren ein Kirchenmann vorausgesehen. Papst Paul VI. schrieb in seiner Enzyklika über den Fortschritt der Völker, Populorum progressio: "Zum Unglück hat sich mit der Industrie ein System verbunden, das Profit als den eigentlichen Motor des gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet, den Wettbewerb als das oberste Gesetz der Wirtschaft, Eigentum an den Produktionsgütern als absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber."

Heiliger Vater, Du warst der Größte, denn Du hast erkannt, was uns zum Teufel schicken wird. Und dabei ist der Jazz eines der kleinsten Opfer der Globalisierungs-Seuche. Wie so viele war ich anfangs gutgläubig. Ach Gott, dachte ich, das kann doch nicht schaden, wenn die Musiker rund um den Erdenball einen kollegialen Austausch betreiben. Und als Albert Mangelsdorff 1968 nach einer Asien-Tournee seine LP "Now Jazz Ramwong" veröffentlichte, frohlockte ich: "Alle Menschen werden Brüder."

Bis ich gewisse Konzerte auf der Bühne erlebte. Da gefror mir das Frohlocken zu Scheiße und ich erschrak und ich schämte mich. Denn ich sah die berühmten amerikanischen und europäischen Improvisatoren, wahrlich Maharadschas ihrer Solo-Instrumente, und sie waren demütig umgeben von ihrer mahagonifarbenen Dienerschaft, die auf Teppichen hockte und mit Zimbeln zirpte. Und Joe Zawinul duckte sich wie eine erschrockene Maus hinter sein Elektrizitätswerk und überließ die Musik seinen Kollegen aus Afrika. Und als einst das Art Ensemble of Chicago zusammen mit afrikanischen Musikern in Hamburg auftrat, wurde dem Veranstalter unter Drohungen eingeschärft, den Afrikanern die Höhe der Gage nicht zu verraten. So viel zur Gleichberechtigung unter Musikern, die in "globalisierten" Konzerten auftreten.

Ein Blick in den Rückspiegel. Wenn Yehudi Menuhin seinerzeit durch "Honeysuckle Rose" stolperte, war das schon global oder doch nur egal? Vielleicht ein erstes Wetterleuchten vor dem Hurrikan Globalisierung? In der Musik geht es um Tiefe, nicht um Schminke! Wie platt "Musi" sein kann, das wird uns im Fernsehen ständig vorgeführt. Selbst so ein ergreifendes Stück wie "Stille Nacht" wurde gerade im TV geschlachtet. Der Metzger: ein prominenter, im Dauergrinsen preiswürdiger Chorleiter aus Süddeutschland. Und niemand schreit auf. Vor Jahren war ich in China, als das Land noch ganz in Mao-Blau herumrannte. Ich musste zwei Stunden auf mein Gepäck warten. Derweil wurden wir aus einem Lautsprecher mit Musik versorgt. Es ertönten, von einem beschissenen Keyboard gespielt, die ersten Takte von "Yesterday" der Beatles. Eine Schleife, zum Verrücktwerden. Damit waren die ersten Vorboten der Globalisierung in Peking angekommen. Was hat mir der Kulturstaatsminister Naumann einst gesagt? "Naura, der Zweite Weltkrieg wurde nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit dem Rock'n'Roll!" Yes, Sir, so ist es! Wir erleben einen Krieg mit akustischen Mitteln. Im Gepansche des Multikulti wird immer deutlicher: Die Glut des Jazz verschwindet. Das ist wie: Hoden ab! An ihre Stelle tritt ein kolonialistischer Klang-Gulasch, der an den letzten Kupferstich von William Hogarth erinnert. Er ist eine Allegorie des Abschieds, ein Bild des Schreckens. Der Rassist Archie Shepp hat das vorausgesehen: "Ich denke, der Musikstil, den man gemeinhin mit Jazz umschreibt, verflüchtigt sich heute mehr und mehr. Kein Wunder, denn unsere Mediengesellschaft mit ihrer Fernseh- und Video-Kultur beeinflusst die Leute vor allem visuell und weniger aufitiv. Jazzgruppen auf der Bühne wirken da sowieso altmodisch, wenn man sie mit Michael Jacksons Video 'Thriller' vergleicht." Na gut, Archie! Sorgen wir dafür, dass der Jazz würdig in die Erde kommt. Und lass uns aufpassen, Archie, dass die immer überflüssiger werdenden Jazzmusiker, die nicht mit singenden Elchkühen kooperieren, auf keinen Fall von dieser US-Billigfutterkrippe zu "Swingenden Frikadellen" verarbeitet werden.

Text Michael Naura

Quelle: Jazzthing, Nummer 32, Seite 9