SPIEGEL-GESPRÄCH 

DER SPIEGEL 29/1991, Seiten 172-175
Peter Bölke und Claudius Seidl interviewen Herbie Hancock in München

"Manchmal muß es Big Mäc sein"

Pianist Herbie Hancock über Jazz, Rock, Religion und seinen kommerziellen Erfolg


SPIEGEL: Herbie Hancock, Sie haben alle Arten von Musik gespielt -- lieben Sie Mozart?

HANCOCK: Ja, ich liebe ihn. Als ich jung war, habe ich nur Klassik gespielt, Bach, Chopin, aber auf Mozart war ich spezialisiert.

SPIEGEL: Spielen Sie ihn ab und zu noch?

HANCOCK: Ich würde gern. Aber zum üben fehlt mir die Zeit. Wer klassische Musil spielen will, kann sich nicht einfach hinsetzen und anfangen. Er muß an seiner Technik arbeiten. Deshalb frustriert mich auch Mozart: Ich weiß, wie er klingen müßte, doch meine Technik ist nicht so, wie sie sein sollte.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen die Musik?

HANCOCK: Sie ist ein Weg, mich auszudrücken und mit den Hörern zu kommunizieren. Aber sie gibt mir auch die Chance, tief in mich hineinzuhören und dort etwas zu finden, das für andere einen Wert hat und vielleicht als Anregung taugt. Ich sitze nie zu Hause herum und spiele nur so zum eigenen Vergnügen. Dazu drängt es mich überhaupt nicht.

SPIEGEL: Müssen Sie nicht viel üben?

HANCOCK: Vermutlich sollte ich, aber ich übe wirklich kaum. Ich habe ein kleines Etüdenbuch, das ich sehr selten öffne, und, wie gesagt, ich spiele nie allein zum Spaß.

SPIEGEL: Wie komponieren Sie dann?

HANCOCK: Das ist etwas ganz anderes. Komponieren ist mein Beruf. Dafür habe ich einen Terminplan, ich muß eine Platte fertigstellen oder eine Filmmusik komponieren, also setze ich mich hin und erledige meinen Job.

SPIEGEL: Sie haben die unterschiedlichsten Stile gespielt und komponiert, Pop, Rock, Jazz und Fusion -- akzeptieren Sie solche Etiketten überhaupt?

HANCOCK: Ich benutze sie nur aus Bequemlichkeit, mit diesen Worten kann man die Dinge schnell beschreiben. Andererseits gibt es große Bereiche der Musik, da passen diese Etiketten nicht. Ich bin mit keiner dieser Klassifizierungen verheiratet.

Herbie Hancock

war meistens mit dabei, wenn es darum ging, im Jazz neue Töne zu finden. Der Pianist aus Chicago trat mit elf Jahren zum ersten Mal öffentlich auf, studierte klassische Musik und fand in den späten Fünfzigern zum Jazz. Er spielte mit dem Tenoristen Coleman Hawkins, dem Trompeter Donald Byrd und stieg 1963 beim Miles-Davis-Quintett ein. Als einer der ersten wagte er sich ans Elektropiano, experimentierte mit dem Synthesizer und öffnete den Jazz für die Einflüsse des Rhythm & Blues und der Rockmusik. Das Multitalent Hancock, inzwischen 51, schrieb auch Filmmusiken, etwa für Antonionis "Blow Up" und Taverniers "Round Midnight". Sein Album "Headhunters" (1973) gehört zu den bestverkauften Jazz-LPs. Seine Single "Rockit" (1984) erreichte Spitzenplätze in den Hitparaden. Hancock ist derzeit mit Wayne Shorter (Saxophon); Stanley Clarke (Bass), Omar Hakim (Schlagzeug) auf Tournee.

SPIEGEL: Würden Sie irgendein Etikett gelten lassen für den Stil, den Sie und Ihre Band zur Zeit spielen?

HANCOCK: Das ist schwierig. Gut, es ist Jazz -- und doch sagt dieses Wort nicht viel über meine Musik: Manche Stücke sind akustisch, manche elektrisch, manchmal klingt der Synthesizer akustisch wie Holzbläser und Streicher -- es ist eine Mischung aus elektronischen und akustischen Elementen. Und dann gibt es Stücke, die entsprechen mehr der normalen Definition von Synthesizer-Sound, sie klingen härter und rockiger. Ich versuche die üblichen Grenzen zu überschreiten.

SPIEGEL: Soll dieses ständige Mischen verschiedener Stile nicht nur davon ablenken, daß es längst keine wirkliche Innovation im Jazz mehr gibt? Wo sind denn die Standards, die klassischen Jazz-Kompositionen der siebziger und achtziger Jahre?

HANCOCK: Die Menschen glauben immer, daß etwas, das lange hält, mehr wert ist als etwas, das nur kurz da ist. Ich glaube das nicht. Die Wissenschaft kennt diese kleinen Elementarteilchen, die sogenannten Quarks, die nur eine winzig kurze Zeit existieren. Trotzdem gäbe es ohne sie keine Materie.

SPIEGEL: Sie meinen, daß Musik eine sehr flüchtige Angelegenheit sein kann?

HANCOCK: Ihre Bedeutung mag zeitlich beschränkt sein, aber in dieser Zeit kann sie einen großen Wert haben. Noch ein Beispiel: Es stimmt nicht, daß ein Coq au vin besser schmeckt als ein Hamburger. Nichts gegen Coq au vin -- aber manchmal muß es ein Big Mäc sein.

SPIEGEL: Sie wollen doch nicht, daß man Ihre Musik als Fast-Food-Musik bezeichnet?

HANCOCK: Nein, aber es gibt Zeiten, die sind gut für Standards, und andere, die sind dafür nicht so gut. Im Moment, glaube ich, ist einfach keine Zeit für Standards. Natürlich muß dieses ständige Fusionieren verschiedener Stile oft als Entschuldigung für einen Mangel an Inspiration herhalten. Aber es kann auch sehr anstrengend sein. Gut, wenn jemand sagt, meine Pop- und Rockmusik sei so eine Art Hamburger- oder Hot-Dog-Musik, dann ist das schon okay.

SPIEGEL: Verletzt es Sie nicht, wenn Kritiker Ihnen vorwerfen, daß Sie den geraden Weg des Jazz verlassen haben?

HANCOCK: Ein Kritiker wird sich schwertun, mich überhaupt zu verletzen, er formuliert halt seine Meinung. Wie auch immer, ich habe den geraden Weg des Jazz nicht verlassen, ich habe ihn erweitert. Allerdings haben einige meiner Schallplatten eben mit Jazz nichts zu tun; ich interessiere mich auch für andere Musikstile.

SPIEGEL: Aber Sie betrachten sich selbst immer noch als Jazzmusiker?

HANCOCK: Die Basis bleibt der Jazz. Aber Rhythm & Blues, Rock'n'Roll, Tanzmusik -- das gehört alles zu meinem kulturellen Erbe als schwarzer Amerikaner.

SPIEGEL: Verdienen Sie nicht einfach mehr Geld mit Pop und Tanzmusik, als Sie das mit purem Jazz jemals könnten?

HANCOCK: Was meinen Sie, wie viele reiche Leute es gäbe, wenn einer nur Popmusik spielen müßte, um viel Geld zu machen? Ich habe versucht, eine Menge Hits zu landen, und ich bin schon glücklich, daß es mir zweimal gelungen ist.

SPIEGEL: Machen Sie musikalische Kompromisse, um kommerziellen Erfolg zu haben?

HANCOCK: Ich habe in meiner Karriere nur einen Kompromiß gemacht: Als ich mein erstes Album "Takin' Off" aufnahm, wollte ich ausschließlich eigene Kompositionen spielen. Andere Musiker sagten mir: "Die halbe Platte ist für dich, die halbe Platte für die Plattenfirma, deshalb mußt du zur Hälfte altbekannte Standards spielen, damit sich die Platte verkauft." Das wollte ich nicht -- aber ich wußte, welcher Sound damals beim Publikum gefragt war, und ich schrieb den Song "Watermelon Man", um das Album kommerzieller zu machen.

SPIEGEL: Und hat es sich verkauft?

HANCOCK: Ja, sehr gut, "Watermelon Man" wurde ein Hit.

SPIEGEL: Dieses Stück hat eine simple Blues-Struktur. Wird ein erfolgreicher Mann wie Sie noch vom Blues gepackt?

HANCOCK: Ja, er ist die Seele des Jazz und die Seele der Popmusik. Der Blues ist die Seele jeder Musik, die von den schwarzen Amerikanern kommt.

SPIEGEL: Der Blues war einmal die Musik der Unterdrückten und Notleidenden. Das ist er heute nicht mehr.

HANCOCK: Er war einmal die Ausdrucksform jener Schwarzen, die schwere Zeiten mitmachten. Heute kann der Blues auch fröhlich klingen. Er ist ein Ausdruck des Menschlichen. Das ist der Grund, warum einer nicht schwarz sein muß, um den Blues zu mögen.

SPIEGEL: Seit langem spielen Sie Synthesizer und komponieren elektronische Musik. Was ist dabei die Herausforderung für den Musiker?

HANCOCK: Wie Sie wissen, komme ich von der klassischen Musik. Ich hatte schon immer ein starkes Interesse fürs Orchestrieren, für die Kombination vieler verschiedener Klänge und Instrumente. In gewisser Weise ist der Synthesizer mein kleines Orchester. Hinzu kommt, daß ich auch immer von der Technik fasziniert war. Als ich klein war, habe ich Modellflugzeuge und -boote gebaut, und selbst heute fällt es mir schwer, an einem Elektronikladen vorbeizugehen. Ich bin ein verhinderter Techniker. Ich bastele gern, ich repariere gern, ich möchte immer herausfinden, woraus die Dinge bestehen, was sie ticken läßt -- auch was Leute ticken läßt.

SPIEGEL: Sind die Experimente mit dem Synthesizer wichtiger als die Ergebnisse?

HANCOCK: Ja, meistens schon. Aber ich werde nie vergessen, was ich damals erlebte, in den Sechzigern, als ich im Miles-Davis-Quintett spielte. George Coleman, der Saxohonist, übte den ganzen Tag in seinem Zimmer, er experimentierte mit verschiedenen Läufen und Melodien. Eines Tages sagte Miles zu ihm: "Ich bezahle dich nicht, damit du in deinem Zimmer experimentierst, ich bezahle dich, damit du es auf der Bühne mit der Band tust." Miles Davis hatte recht. Das Experiment findet vor dem Publikum statt, und das Publikum ist ein Teil des Experiments. Die Bühne ist das wahre Versuchsfeld für Musiker, und nur während des Konzerts gibt es Augenblicke der Wahrheit.

SPIEGEL: Dafür braucht man nicht unbedingt einen Synthesizer.

HANCOCK: Der Synthesizer gibt einem große Freiheit. Er kann wie jedes Instrument klingen und wie die Kombination aus vielen Instrumenten.

SPIEGEL: Aber es sind doch gerade die Beschränkungen, die ein Instrument unverwechselbar klingen lassen. Ein Gitarrenhals zwingt den Musiker zu anderen Läufen als die Klappen eines Saxophons.

HANCOCK: Auch ein Synthesizer hat seine Grenzen.

SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß die Musik ihre Seele verliert, wenn sie synthetisch erzeugt wird?

HANCOCK: Ein Sänger aus der Steinzeit hätte das gleiche über eine Trompete gesagt: Verliert die Musik nicht ihre Seele, wenn man sie auf diesem Stück Metall spielt mit all den Röhren und der Mechanik? Man kann mit allem Musik machen. Man kann auf einem hözernen Tisch oder mit einer Zeitung ein Lied spielen. Es zählt nur, ob es musikalisch ist -- nicht ob das Instrument eine Mechanik oder eine Elektronik hat.

SPIEGEL: Fangen Sie jetzt etwa an, Musik mit Tischen und Zeitungen zu machen?

HANCOCK: Nein, nach wie vor beherrsche ich das akustische Klavier am besten, und ich werde es weiterhin spielen. Die Entwicklung des Synthesizers hingegen ist noch längst nicht abgeschlossen. So ein Gerät ist kein Spielzeug, aber manchmal ist das Spiel mit dem Synthesizer wie das Spiel mit einem Kind. Es kann viel Freude machen, mit Kindern zu spielen.

SPIEGEL: Was waren Wendepunkte Ihrer musikalischen Karriere?

HANCOCK: Na ja, meine erste Klavierlehrerin hat mir beigebracht, wie man anständig Noten liest, aber die zweite hat mich den Anschlag gelehrt. Das war viel wichtiger.

SPIEGEL: Das geschah doch, bevor Ihre Karriere überhaupt anfing.

HANCOCK: Meine Karriere begann, als ich elf war. Ich spielte Mozart mit dem Chicago Symphony Orchestra, das gab mir Selbstvertrauen. Später waren es natürlich Pianisten, von denen ich mich beeinflussen ließ: Horace Silver und sein Rhythmusgefühl; Oscar Peterson, der wie kein anderer den Blues spielte; Bill Evans, dessen Anschlag einzigartig war.

SPIEGEL: Kein Wort über Miles Davis?

HANCOCK: Oh, Miles, klar. Ich habe soviel gelernt, als ich in seiner Band war. Miles Davis ist ein genialer Zuhörer. Er nimmt alle Geräusche um sich herum wahr, und er hat das Talent, sie in große Schönheit zu verwandeln.

SPIEGEL: Zur Zeit treten Sie wieder mit dem Saxophonisten Wayne Shorter auf, der schon bei Miles Davis dabei war. Was gefällt Ihnen so an ihm?

HANCOCK: Wayne ist nicht nur ein guter Saxophonspieler, er ist auch ein exzellenter Komponist. Wayne Shorter und Igor Strawinski sind meine Lieblingskomponisten.

SPIEGEL: Ist es wahr, daß Miles Davis Sie ans elektrische Piano gebracht hat?

HANCOCK: Ich hatte natürlich schon davon gehört, daß es so etwas gab, doch ich war damals ein Snob. Es interessierte mich nicht, ich wollte puren Jazz spielen. Aber eines Tages kam ich ins Plattenstudio, und da stand kein Klavier. Ich fragte Miles, worauf ich spielen sollte, und der sagte: "Versuch's mal damit!" Da stand ein Fender-Rhodes-Elektropiano. Ich sagte: "Na gut", ich machte es an, ich spielte einen Akkord, und es gefiel mir. Es klang gut und laut. Endlich konnte ich mit Tony Williams, dem Drummer, konkurrieren.

SPIEGEL: Wie so viele Jazz-Musiker haben auch Sie die Religion entdeckt. Woher kommt diese neue Gläubigkeit?

HANCOCK: Ein Künstler tut sich oft schwer, das Beste aus sich herauszuholen. Manchmal scheint Kreativität unabhängig von allem anderen zu entstehen, unabhängig davon, ob einer viel übt oder sich gesund ernährt oder reine Gedanken hat. Viele Genies des Jazz waren Alkoholiker oder drogensüchtig, und trotzdem spielten sie wundervolle Musik. Aber es gibt nichts, worauf ein Musiker bauen kann.

SPIEGEL: Ist Religion die neue Droge für Musiker?

HANCOCK: Sie kann es sein, wenn sie den Musiker und dessen Kreativität einschränkt. Mir hat die Religion geholfen, ein positives Wertesystem aufzubauen. Seit 18 Jahren praktiziere ich Nichiren-Shoshu-Buddhismus. Seitdem fühle ich mich nicht mehr verloren in der Welt; es ist ein Geist des Glücks in mir und um mich herum.

SPIEGEL: Aber Glück ist doch nicht die Voraussetzung für Kreativität.

HANCOCK: Irgendwo muß da ein bißchen Glück sein. Miles Davis zum Beispiel ist heute so glücklich, wie er es lange nicht war. Und ich glaube, er spielt auch besser, er klingt wirklich unglaublich gut.

SPIEGEL: Haben Drogen in Ihrem Leben eine Rolle gespielt?

HANCOCK: Natürlich bin ich mit ihnen in Berührung gekommen, so wie viele andere Kollegen auch. Der Grund, weshalb Jazzmusiker sich schon immer für Drogen interessiert haben, ist der: Sie müssen für alles offen sein. Der Jazz ist eine experimentelle Kunstform, und die Jazzer neigen dazu, auch mit sich selbst zu experimentieren. Außerdem ist es manchmal sehr frustrierend, sich überhaupt mit der Musik einzulassen: Keiner kann sicher sein, daß er heute abend gut genug spielen wird. Und ein schlechter Abend kann dich kaputtmachen.

SPIEGEL: Sind Künstler also anfälliger für Drogen?

HANCOCK: Klar, und sie sind es besonders, wenn sie, wie einst Charlie Parker oder Billie Holiday, an Armut und Rassendiskriminierung leiden.

SPIEGEL: Sind für Sie die Vereinigten Staaten immer noch eine rassistische Gesellschaft?

HANCOCK: Ja, wie die meisten Länder. Aber das Verhältnis zwischen den Rassen in den USA verbessert sich zusehends.

SPIEGEL: Engagieren Sie sich in der Schwarzen-Bewegung?

HANCOCK: Zur Zeit interessiere ich mich mehr für Umweltfragen.

SPIEGEL: Was tun Sie da?

HANCOCK: Ich mach's mit meiner Musik. Ich spiele auf vielen Wohltätigkeitskonzerten für Umweltprojekte. Auf eines, das "Planet Live" heißt, habe ich mich gerade wieder eingelassen. Es wird ein großes Konzert am 12. Oktober in der Hollywood Bowl, und CNN wird es pr Satellit in 110 Länder übertragen.

SPIEGEL: Sie haben enormen kommerziellen Erfolg. Ihr Album "Headhunters" ist eine der bestverkauften Jazzplatten aller Zeiten; für den Soundtrack zu dem Film "Round Midnight" haben Sie einen Oscar erhalten; Sie hatten sogar eine eigene Fernsehshow. War das alles pures Glück -- oder gibt es ein Geheimnis Ihres Erfolgs?

HANCOCK: Ein gutes Karma. Ich war ziemlich oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Buddhismus hat mir dabei geholfen, für alle Chancen offen zu sein. Diese Chancen habe ich auch dann wahrgenommen, wenn die Aufgabe eigentlich eine Nummer zu groß für mich war. Daran bin ich gewachsen.

SPIEGEL: Haben Sie einen guten Ankageberater für all Ihr Geld?

HANCOCK: Soviel ist das gar nicht. Ich kann leben, aber ich bin nicht gerade Eddie Murphy oder Bill Cosby oder Quincy Jones. Einen Anlageberater habe ich nie gebraucht, das ist etwas, das noch auf mich zukommt.

SPIEGEL: Sie haben bei Quincy Jones, einem der erfolgreichsten Musikproduzenten überhaupt, einen Schallplattenvertrag unterzeichnet. Haben Sie spezielle Pläne?

HANCOCK: Es waren vor allem persönliche Gründe. Quincy Jones ist einer der wenigen, die wirklich verstehen können, was ich alles gemacht habe: Jazz, Pop, Filmmusik, Fernsehen. Das liegt daran, daß auch er alles aus eigener Erfahrung kennt. Den meisten Plattenfirmen geht es nur darum, wann das nächste Album fertig wird. Quincy dagegen weiß, daß ich mich für viel mehr Dinge interessiere.

SPIEGEL: Sie haben einen afrikanischen Namen, Mwandishi. Was stimmt nicht mit dem Namen Herbie Hancock?

HANCOCK: Tatsächlich ist Herbie kein besonders schöner Name, aber das ist nicht der wahre Grund. In den späten Sechzigern, als das alles anfing mit der Schwarzen-Bewegung, haben viele von uns Musikern diese afrikanischen Namen angenommen, um unsere Solidarität zu demonstrieren.

SPIEGEL: Hat Mwandishi eine besondere Bedeutung?

HANCOCK: Komponist.

SPIEGEL: Sie sind mit vielen jungen Leuten aufgetreten, zum Beispiel mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Spielen diese perfekt ausgebildeten jungen Leute Ihrer Ansicht nach genauso gute Musik wie die Alten, die den Jazz in Bars und in Tanzlokalen gelernt haben?

HANCOCK: Eines ist jedenfalls sicher: Man muß nicht in Armut und unter Verbrechern leben, um zu leiden -- und um guten Jazz zu spielen. Vermutlich spüren arme Leute einen stärkeren Drang, den miesen Verhältnissen zu entkommen. Aber auch reiche Leute leiden auf die eine oder andere Art -- und jeder, der leidtet, kann den Blues spüren. Es mag schon sein, daß Armut und Diskriminierung dafür sorgten, daß der Jazz entstand. Aber jetzt ist er da. Und man wird den Jazz nicht los, selbst wenn man das wollte.

SPIEGEL: Herbie Hancock, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: August 10, 2001