SPIEGEL-GESPRÄCH 

DER SPIEGEL 7/1992, Seiten 196-199
Peter Bölke und Helmut Sorge interviewen Dizzy Gillespie in der Künstlergarderobe des New Yorker Jazzclubs "Blue Note"

"Ich mach' einfach so weiter"

Jazztrompeter Dizzy Gillespie über das Alter, seine Freunde und den Bebop


SPIEGEL: Dizzy, können Sie sich vorstellen, daß Sie den ganzen Tag im Central Park sitzen und nichts tun?

GILLESPIE: Nein, das ist unmöglich. Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn ich meine Zeit mit Nichtstun verbrächte. Ich bin gern in Bewegung.

SPIEGEL: Mit 74 sind Sie noch ganz schön in Bewegung. Sie arbeiten sehr viel, und das sicherlich nicht nur des Geldes wegen.

GILLESPIE: Nein, soviel Geld bringt das gar nicht. Ich will einfach nicht zu lange auf einem Fleck bleiben und nichts tun, klar? Ich bin ein Workoholic.

SPIEGEL: An Pensionierung denken Sie nicht?

GILLESPIE: Jeden Morgen nehm' ich die Zeitung und seh' die Todesanzeigen durch. Wenn mein Name da nicht steht, mach' ich einfach so weiter wie bisher.

SPIEGEL: Üben Sie jeden Tag auf Ihrem Horn?

GILLESPIE: Na, was denn sonst. Dieses Horn, Bruder, das verlangt dir was ab, du mußt üben. Wenn du's nicht jeden Tag machst, wirst du nicht so stark sein, wie du sein kannst, du vergißt einfach eine Menge. Ich hab' keinen strikten Zeitplan, aber üben muß ich schon jeden Tag. Man sollte meinen, daß Trompeteblasen allmählich leichter wird, aber das stimmt nicht. Du entdeckst dauernd neue Sachen.

SPIEGEL: Nicht viele Musiker sind ein so wichtiges Stück Jazzgeschichte wie Sie. Macht es Ihnen zu schaffen, eine lebende Legende zu sein?

GILLESPIE: Nein. Ich bin keine Legende. Ich mach' mir darüber keine Gedanken, es macht mir überhaupt nicht zu schaffen. Es tut aber gut, wenn man anerkannt wird. Ich mag das Gefühl.

SPIEGEL: Die Rolle, die Sie im Jazz gespielt haben, werden Sie nicht bestreiten wollen.

GILLESPIE: Viele Leute haben eine wichtige Rolle gespielt.

SPIEGEL: Stimmt schon. Aber wer lebt denn heute noch und kann wie Sie über die Geschichte reden?

GILLESPIE: Nicht viele, Bruder, nicht viele. Ich hab' inzwischen mehr Freunde im Himmel als auf der Erde. Ich geh' ans Telefon, wähl' die Nummer eines Freundes, und da sagt jemand: "Hallo, hier ist der Himmel." Und ich sage: "Ich möchte Count Basie sprechen." Und die Stimme sagt: "Da sind Sie richtig verbunden, er ist hier." Und Sarah Vaughan ist auch da, und John Coltrane, Dexter Gordon, Teddy Wilson, Clifford Brown . . .

SPIEGEL: . . . und Charlie Parker.

GILLESPIE: Ja, er ist der wichtigste. Ich vermisse ihn sehr. Manchmal wünschte ich, daß ich ihn einfach anrufen und mit ihm reden könnte. Daß wir zusammen wieder auf der Bühne stehen könnten, einfach die Musik strömen lassen. Er war so unglaublich.

SPIEGEL: Wie hat das in den Vierzigern alles angefangen, als Sie und Charlie Parker mit einem Mal Bebop spielten? Haben Sie sich da zusammengesetzt und sich was überlegt . . .

GILLESPIE: . . . nein, nein. Es passierte einfach. Wir haben uns nirgendwo zusammengesetzt, wir haben's auf der Bühne, im Klub gemacht. Wir experimentierten, wir spielten Sachen, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten. Wir haben's probiert und dann die anderen Burschen gefragt: Hey, wie gefällt euch das? So läuft so was.

SPIEGEL: Bebop wurde also nicht -- wie manchmal erzählt wird -- erfunden, damit die weißen Musiker den schwarzen nichts stehlen konnten?

GILLESPIE: Bullshit. Wir haben gar nicht irgendwie an eine neue Art von Musik gedacht. Wir wollten lediglich mit dem, was wir konnten, soweit wie möglich gehen.

SPIEGEL: Aber Charlie Parker und Sie müssen doch sehr ähnliche musikalische Ideen gehabt haben, sonst hätten Sie wohl nicht diese neue Art von Jazz spielen können?

GILLESPIE: Ja, klar, wir müssen wohl dieselben Ideen gehabt haben. Als ich ihn zum erstenmal hörte, sagte ich: Oh, Mann, das ist so, wie Musik klingen sollte. Charlie Parker hat uns den Stil gegeben. Er faszinierte mich durch die perkussive Wirkung seiner Musik, wie er die Töne anblies, wie er die Akzente setzte. Ja, es war Charlie Parkers Stil, der das neue schuf, nicht unbedingt ich, denn ich versuchte damals wie Roy Eldridge zu spielen.

Dizzy Gillespie

gilt seit einem halben Jahrhundert als einer der großen Erneuerer des Jazz, der auch im Alter von 74 Jahren noch immer durch seine Vitalität und seine musikalischen Einfälle verblüfft. Anfang der vierziger Jahre, als Jazz gleichbedeutend mit Swing war, entwickelte Gillespie zusammen mit dem legendären Altsaxophonisten Charlie Parker eine neue Spielart improvisierter Musik, den Bebop, gekennzeichnet durch überraschende Harmoniefolgen, zum Teil rasende Läufe und rhythmisch eigenwillige Phrasierung. Parker starb im Alter von 34 Jahren, zerrüttet durch Heroin und Alkoholmißbrauch.
John Birks ("Dizzy") Gillespie hat mit fast allen Großen des Jazz gearbeitet, mit den Trompetern Roy Eldridge, Clifford Brown oder Miles Davis etwa, den Saxophonisten John Coltrane, Coleman Hawkins, Dexter Gordon, Sonny Rollins, Stan Getz, den Pianisten und Bandleadern Duke Ellington, Count Basie, Earl Hines. Im Weißen Haus hat Gillespie zusammen mit Präsident Jimmy Carter 1978 seine Komposition "Salt Peanuts" gesungen. Er hat ein gutes Dutzend Ehrendoktorhüte und wurde in Frankreich als Commandeur de l'Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet.
Gillespie wird derzeit von Musikerkollegen und vom Publikum in New York stürmisch gefeiert: im ausverkauften Jazzclub "Blue Note" spielte er den ganzen Januar durch Abend für Abend. Er wird dieses Jahr noch in Lateinamerika, Europa und Südafrika auftreten. In dem verworrenen Action- und Liebesfilm "Winter in Lissabon", der demnächst in den USA anläuft, spielt Dizzy einen alten Jazztrompeter, der bei einer Probe auf der Bühne plötzlich sein Horn -- wie Jazzmusiker ihr Instrument gern nennen -- absetzt und tot zusammenbricht.

SPIEGEL: Der war Ihr Idol?

GILLESPIE: Spitzenmann.

SPIEGEL: Miles Davis hat in seiner Autobiographie einige sehr häßliche Bemerkungen über Charlie Parker gemacht, über seine Drogensucht und die Art, in der er manchmal Freunde behandelte. Stimmen Sie Miles zu?

GILLESPIE: Nein. Charlie Parker war ein netter Bursche. Ich hab' ihn nie irgendein böses Wort über irgend jemanden sagen hören. Er war ein lieber Mensch.

SPIEGEL: Haben seine Freunde damals versucht, ihn von den Drogen runterzuholen?

GILLESPIE: Du holst Leute nicht von Drogen runter. Das müssen sie selbst tun, oder sie sterben. Du kannst niemanden greifen und ihm die Drogen abgewöhnen. Wenn Miles diese Sachen über Drogen und Charlie Parker gesagt hat -- was war denn mit ihm? Er hat Drogen genommen. Ja, er hat damit angefangen, als er Charlie Parker kennenlernte, glaube ich. Aber er war ein Drogenabhängiger bis zu seinem Tode, ja, das war er.

SPIEGEL: Warum nehmen gerade Jazzmusiker so oft Drogen? Wegen des Drucks, unter dem sie leben?

GILLESPIE: Nein. Ich hab' keine Drogen genommen und andere auch nicht. Aber vielleicht konnten manche die Vorurteile nicht ertragen, Vorurteile gegen Schwarze. Das mag für Charlie Parker ein Grund gewesen sein. Er hat's mir nie gesagt, aber was sollte es sonst gewesen sein?

SPIEGEL: Haben Sie persönlich unter Rassismus gelitten?

GILLESPIE: Es gibt Rassismus bis zu diesem Augenblick. Den hast du auch in anderen Ländern. Ja, Rassismus gibt es immer noch, und er ist hart.

SPIEGEL: Miles Davis hat am Anfang seiner Karriere mit Ihnen gespielt. Warum waren Sie später nicht mehr zusammen zu hören?

GILLESPIE: Ich hab' ein bißchen mit ihm gespielt, aber Miles ist eben da langgegangen, und ich gehe hier lang. Miles -- na ja, ich hab' ihm eine Menge beigebracht. Er kam manchmal zu mir nach Hause, ich spielte etwas auf dem Piano, und er sagte: "Gefällt mir." Also hab' ich ihm das beigebracht, denn er konnte nicht Klavier spielen. Er hat mir auch immer Fragen gestellt. Er legte manchmal eine Platte auf und sagte plötzlich: "Diese Note, wo kommt die her?" Dann hab' ich das auf dem Klavier gespielt und gesagt: "Da ist die Note." Und er sagte: "Oh." Er hat so 'ne Menge gelernt; ich war sein persönlicher Professor, aber er hat auch von Leuten wie Kenny Dorham, Tadd Dameron und all den Burschen gelernt, die mit ihm spielten.

SPIEGEL: Miles hat Sie auch sehr bewundert, aber er kritisierte Ihre Art, wie Sie die Leute unterhalten: wenn Sie auf der Bühne tanzen . . .

GILLESPIE: . . . damit hatte er nichts zu tun. Das ging ihn nichts an, was ich auf der Bühne tun möchte.

SPIEGEL: Er hat immer gesagt, daß ihm die Art nicht gefiel, wie Sie und Louis Armstrong auftraten, weil . . .

GILLESPIE: . . . aber es gab doch eine Menge Leute, die so auftraten, der Geiger Stuff Smith, Louis Armstrong, viele andere, die auch gern ein paar Schritte machten, wenn sie spielten, nicht? Ich sehe nicht, was das Miles anging.

SPIEGEL: Sie selbst haben immer einen guten Kontakt zu Ihrem Publikum. Miles sagte, das sei ihm egal, die Leute sollten nur seine Musik hören.

GILLESPIE: Das ist Bullshit. Ich mag die Menschen. Ich hab' gern Spaß. Ich bring' Leute gern zum Lachen, sie sollen happy sein, und das ist meine Sache. Das ging Miles Davis nichts an, und das geht auch sonst niemanden was an.

SPIEGEL: Was passiert derzeit im Jazz?

GILLESPIE: Er entwickelt sich. Aber wer weiß? Die Musiker sind diejenigen, die entscheiden werden, wo die Entwicklung hinläuft, wie sie spielen möchten. Ich kann nur davon reden, was ich von der Musik erwarte, nicht davon, was die Welt erwartet.

SPIEGEL: Was erwarten Sie denn?

GILLESPIE: Ich möchte einfach spielen und sehen, wie die Dinge zusammenpassen, und dabei lernst du, und du lernst, soviel du kannst, und das ist alles.

SPIEGEL: Was für Musik hören Sie, wenn Sie zu Hause sind?

GILLESPIE: Frühen Miles, Benny Carter, Coleman Hawkins, Teddy Wilson, all die alten Meister -- das ist, was mir gefällt.

SPIEGEL: Hören Sie Ihre alten Aufnahmen?

GILLESPIE: Meine? Nein.

SPIEGEL: Welche jungen Jazzmusiker mögen Sie?

GILLESPIE: Es gibt eine Menge guter Musiker, etwa Wynton Marsalis, den Trompeter, und seinen Bruder Branford auf dem Saxophon. Ja, ich mag sie beide, und viele, viele andere. Mich begeistern junge Künstler wie Danilo Pérez aus Panama oder David Sánchez und Steve Turre.

SPIEGEL: Viele Trompeter versuchten, wie Sie zu spielen. Aber niemand hat je Ihr Markenzeichen kopiert, die gebogene Trompete. Über dieses Instrument sind viele Geschichten erzählt worden. Was ist denn nun die Wahrheit?

GILLESPIE: Es war wirklich ein Unfall. Ich hatte zum Geburtstag meiner Frau im New Yorker Lokal "Snooky's" eine Party gegeben. Ich mußte dann weg zu einem Interview, und ich ließ mein Horn auf der Bühne stehen. Also, da waren eine Menge Leute, viele Entertainer und Tänzer, und einer der Spaßmacher, der auf der Bühne herumturnte, stieß einen anderen, und der fiel rückwärts auf die Trompete, und das Horn verbog sich eben so nach oben. Als ich zurückkam und das sah, sagte ich "oh shit" und nahm die Trompete und versuchte einen Ton.

SPIEGEL: Hat das geklappt?

GILLESPIE: Ja doch. Aber als ich den Ton spielte und ihn aus einem anderen Winkel als gewohnt hörte, da war das ganz anders, Mann. Und ich hab' dann den ganzen Abend mit diesem Horn gespielt. Später habe ich dann darüber nachgedacht und mir solch ein Instrument bauen lassen.

SPIEGEL: Es ist bekannt, daß Sie ein sehr religiöser Mensch sind. Was bedeutet Ihnen die Baha'i-Religion?

GILLESPIE: Es ist die Lösung der Menschheitsprobleme, denke ich. Eines Tages wird die Menschheit vereint sein. Niemand sollte hungrig sein oder ohne ein Dach über dem Kopf oder ohne Kleidung.

SPIEGEL: Da wird es gar nicht genug Baha'is geben . . .

GILLESPIE: . . . aber es gibt viele, viele Baha'is in der ganzen Welt, auch in Deutschland. Wir haben ein großes Gebetshaus in Frankfurt. Ich bin mal für meine deutschen Freunde von den Baha'is nach Moskau gefahren.

SPIEGEL: Als Prediger?

GILLESPIE: Nein, als Botschafter in Musik. Ich war auch in Ost-Berlin, als die Mauer noch stand. Ich spielte in West-Berlin, wohnte aber im Osten. Es gefiel mir -- es war da drüben so ruhig. Ich erinnere mich auch an Checkpoint Charly. Einmal wollten die Grenzwachen mich nicht rüberlassen, weil der Fahrer im Auto ein Telefon hatte -- die fürchteten wohl Spione. So bin ich dann irgendwie über die Grenze getrampt, ein Italiener hat mich mitgenommen.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, die Kunst gehöre immer zur Vorhut sozialer Veränderungen. Haben denn Künstler, Musiker wirklich zu irgendeinem Fortschritt beitragen können, haben Sie zum Beispiel etwas gegen den Rassismus bewirkt?

GILLESPIE: Ich denke, ja. Menschen wie der Sänger Harry Belafonte haben eine ganze Menge bewirkt. Und viele andere Musiker auch, sie haben gekämpft. Aber nicht nur das: Wenn du den Menschen etwas gibts, wenn sie deine Musik bewundern, dann werden sie vielleicht deine Verbündeten. Und dann ist die Hautfarbe nicht mehr so wichtig.

SPIEGEL: Die Hautfarbe hat manchmal auch unter Musikern eine Rolle gespielt.

GILLESPIE: Ich habe immer mit weißen Musikern gespielt, wenn sie mit mir spielen wollten.

SPIEGEL: Sie haben offensichtlich nie die Meinung geteilt, daß nur Schwarze guten Jazz spielen können?

GILLESPIE: Natürlich nicht. Das stimmt ja auch nicht. Es gab immer Leute wie Stan Getz, der ein sehr guter Musiker war, und viele andere begabte Burschen, die zufällig weiß waren.

SPIEGEL: Werden Jazzmusiker heute besser bezahlt als früher?

GILLESPIE: Alle werden besser bezahlt. Auch als Musiker verdienst du mehr als früher, sonst suchst du dir einen anderen Job. Aber Jazzmusiker kriegen nicht so viel Kohle wie Rockmusiker. Das ist eine andere Geschichte.

SPIEGEL: Wenn Sie das Geld, das Jazzmusiker kriegen, mit den unglaublichen Summen vergleichen, die Showstars wie Michael Jackson bekommen . . .

GILLESPIE: . . . also hör mal, der verdient jeden Pfennig davon. Wenn er 100 000 Leute zu einem Konzert zusammenbringt, dann verdient er auch das Geld, das dabei rauskommt. Wenn ein Jazzmusiker, sagen wir mal, 50 000 Leute in ein Konzert kriegt, dann sollte er auch von dem Geld etwas abbekommen. Wir sind schließlich keine Kommunisten.

SPIEGEL: Beneiden Sie irgend jemanden?

GILLESPIE: Beneiden? Nein, jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten. Da sehe ich kein Problem.

SPIEGEL: Dizzy, Sie haben schon so viel gemacht, Sie haben viele Auszeichnungen und Ehrendoktor-Titel. Sie waren 1964 sogar Präsidentschaftskandidat. Warum bewerben Sie sich nicht auch diesmal um den Präsidentenposten in den USA?

GILLESPIE: Also, ein Grund ist, daß wir Baha'is gar nicht für öffentliche Ämter kandidieren dürfen. Und zweitens möchte ich auch gar nicht Präsident werden.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich dann 1964 beworben? War das nur ein Werbegag?

GILLESPIE: Nicht unbedingt. Da gab es einen Journalisten, wissen Sie, der hat sich das alles in Kalifornien ausgedacht. Der hatte das alles unter Kontrolle.

SPIEGEL: Können Sie sich erinnern, wie viele Stimmen Sie damals bekommen haben?

GILLESPIE: Man hat mir gesagt, es wären ein paar hunderttausend gewesen, aber wer weiß, ab das stimmt, ich war mir jedenfalls nicht sicher. Es war alles ein Spaß.

SPIEGEL: Es war eine pfiffige Idee, Miles Davis als Chef des Geheimdienstes CIA vorzuschlagen oder Louis Armstrong als Landwirtschaftsminister. Sie wollten sogar Ray Charles zum Chef der Kongreßbibliothek machen.

GILLESPIE: Das war ein Scherz. Aber . . . na ja, wir werden es nie wissen, oder? Miles, Louis und Ray Charles hätten vielleicht die Leute mehr für ihre Regierung interessiert. Vielleicht hätten sie großartige Ideen gehabt. Das waren schon drei kreative Burschen.

SPIEGEL: Aber warum haben Sie damals überhaupt die Kandidatur akzeptiert -- um öffentlich auf die Probleme der Schwarzen in den Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen?

GILLESPIE: Ja, das war einer der Gründe.

SPIEGEL: Haben Sie irgendeinen amerikanischen Präsidenten besonders gemocht?

GILLESPIE: Ich mochte Jimmy Carter.

SPIEGEL: Weil er aus dem Süden stammt und singen kann?

GILLESPIE: Nein, er kann gar nicht singen, aber Jimmy Carter gefiel mir besser als irgendein anderer Präsident. Er hat menschliche Wärme und Gefühl. Eines Tages, als ich im Weißen Haus spielte, Sarah Vaughan war dabei und Stan Getz, glaube ich, also wir standen da auf der Bühne, und dann kommt Präsident Jimmy Carter rauf, und er sagt zu mir: "Der Pianist Earl Hines ist im Publikum", und ich sage: "Oh, mein früherer Boß, der ist in Ordnung." Carter sagt: "Fordere ihn auf zu spielen", und ich sage: "Nein, das ist Ihr Haus, nicht meins. Ich fordere hier keinen zum Spielen auf, gehen Sie selbst hin und bitten Sie ihn."

SPIEGEL: Hat er es gemacht?

GILLESPIE: Ja, er hat es gemacht, und als er Earl Hines aufforderte, da ist er förmlich über 15 Sitzreihen geflogen, um nur auf die Bühne zu kommen. Man hat ihn auch kaum wieder runtergekriegt. Der Mann spielte und spielte und spielte.

SPIEGEL: Sie machen in einem neuen Film mit, "Winter in Lissabon". Wollen Sie eine andere Karriere beginnen?

GILLESPIE: Nein, ich will nicht nach Hollywood. Aber Schauspieler zu sein war schon aufregend. War ziemlich hart, den ganzen Text zu lernen. Meine Karriere ist genau das, was ich mache: aber wenn man mir eine Rolle anbietet, die ich spielen möchte, werde ich's gern noch mal versuchen, denke ich.

SPIEGEL: Warum haben Sie die Rolle in dem Film übernommen?

GILLESPIE: Zuerst des Geldes wegen. Aber es hat großen Spaß gemacht. Auch Angst.

SPIEGEL: Warum das?

GILLESPIE: Ich war nie Schauspieler, also hat mir das Angst eingejagt. Aber dieser Regisseur war sehr nett zu mir, sie haben mir alle geholfen, und sie haben mir gesagt, was ich machen soll. Es war sehr nett. Ich habe das wirklich genossen, und ich war in Portugal, ich war in Spanien. Das gefiel mir.

SPIEGEL: Was fällt Ihnen am schwersten an Ihrer Arbeit, das Üben oder das stundenlange Stehen auf der Bühne?

GILLESPIE: Das Schwerste ist so was hier, so ein Interview. Ich mag Interviews nicht besonders. Es fällt mir schwer, über mich selbst zu reden, ich mach' das nicht gern. Ich spreche lieber über Musik, tolle Leute, interessante Orte oder gutes Essen. Ich höre gern zu.

SPIEGEL: Dizzy Gillespie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


maintained by Thomas Hönisch TOP last update: August 10, 2001